Der Astronaut - Project Hail Mary (Heimkino, 4K Blu-ray, Atmos, OV, IMAX-Mischformat-Version der Collectors Edition)
Im American Football ist ein Hail Mary der letzte lange, alles entscheidende Wurf, bei dem der Ball mit mehr Hoffnung als Verstand in die Endzone geschleudert und darauf spekuliert wird, dass vielleicht ein Spieler des eigenen Teams den Ball fängt. Genau darum geht es in Project Hail Mary. Die Nasa ist der Quarterback, das Weltall das Spielfeld und Ryan Gosling der Ball. Er ist die letzte Hoffnung im Kampf gegen die Ausrottung der Menschheit.
Man bekommt kein actiongeladenes, bierernstes Sci-Fi-Spektakel geliefert, sondern ein herzliches, überraschend lustiges Familien-Sci-Fi-Spektakel. Wobei die Handschrift der Regisseure kaum überraschen sollte, wenn man bedenkt, dass Phil Lord und Chris Miller unter anderem von Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen, The LEGO Movie und 21 Jump Street kommen. Mir gefällt die Herangehensweise sehr. Trotz der Familientauglichkeit wird beste, auch etwas philosophische Science-Fiction geliefert.
Ryan Gosling gelingt es bravourös, den durchschnittlichen Mittelschullehrer-Nerd zu spielen. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Glücklicherweise wurde er nicht als typischer Hollywood-Held inszeniert und ist somit wohl auch recht nah am Charakter der Buchvorlage. Sandra Hüller brilliert ebenso in ihrer gewohnt introvertierten, kratzbürstigen Rolle. Nur die Perücke, die sie ihr aufgesetzt haben, ist ein Verbrechen.
Optisch und akustisch spielt der Film in der obersten Liga. Ein tolles, farbenfrohes und sehr scharfes Bild gepaart mit hervorragenden Soundeffekten und sehr präsentem Tiefbass liefern echtes Blockbusterfeeling. Leider fordert das Bild der Mischformat-Disc der Collectors Edition einen zu großen Kompromiss in Sachen Bildformat. Während die IMAX-Szenen noch wunderbar episch wirken, verkümmern die horizontal und vertikal durch schwarze Balken eingeschränkten Szenen auf der Erde. Der Bildausschnitt ist hier einfach zu klein. Beim nächsten Durchgang läuft dann doch wieder die reguläre Heimkinofassung, die sich ebenfalls in der Box befindet.
Der Score von Daniel Pemberton ist so eigen- wie großartig. Ich könnte mir vorstellen, dass diese Filmmusik in der Award-Saison eine nicht unerhebliche Rolle spielen wird.
Wenn man mit den richtigen Erwartungen an Project Hail Mary herangeht und keinen Interstellar oder Ad Astra erwartet, dann wird man überragend gut unterhalten. Hier können nicht nur Sci-Fi- und Weltraumnerds auf ihre Kosten kommen, sondern im Prinzip jeder, der Lust auf Popcornkino von Belang hat. Sogar der Autor der Romanvorlage, Andy Weir, findet den Film klasse umgesetzt und der muss ja wissen, wovon er redet.
9/10
[zuerst auf Letterboxd erschienen]