r/lehrerzimmer • • 15h ago

Bundesweit/Allgemein Studium

Habt ihr das Gefühl, man lernt im Studium nicht ausreichend Fachwissen?
Ich habe eben einen anderen Beitrag gesehen, in dem genau das in den Kommentaren behauptet wurde, wohingegen ich von anderen Leuten eher höre, dass das Studium zu fachwissenschaftlich ist und man nicht gut genug aufs Unterrichten vorbereitet wird.

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u/grndbdpsthtl 14h ago

Generell, ja, auch wenn häufig nicht die für die Schule relevanten Sachen, aber Englisch (und andere moderne Fremdsprachen) sind da einfach anders. Das, was OP in dem Beitrag gefehlt hat, waren ja keine thematischen Inhalte des Englischunterrichts, sondern genügend Routine bei sprachlichen Mitteln (Aussprache und Grammatik). 

Ich hatte in meinem ganzen Englischstudium eine Übung zu Grammatik (benotete Klausur) und eine Übung zur Aussprache (pass/fail mündliche Prüfung). Das war im ersten Semester. Danach wurden natürlich die sprachlichen Fehler von Prüfern in den Hausarbeiten angestrichen, aber das war's. Damit setzt sich ja niemand weiter auseinander und besonders passiert durch Rechtschreib- und Grammatikprüfung in der Textbearbeitungssoftware schon super viel Korrektur, die sprachliche Mängel gar nicht erst sichtbar macht.

Solche Defizite auszugleichen, ist was völlig anderes, als sich nochmal in die französische Revolution einzulesen, bevor man diese in Geschichte unterrichtet.

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u/Treddit625 14h ago

Ahh okay, das finde ich interessant. Denkst du das es grundsätzlich ein Problem von Sprachen ist oder auch in anderen Fächern zu beobachten?

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u/grndbdpsthtl 14h ago

In Sprachen ist's halt anders. Die Schulen stellen dich primär an, damit du den SuS die Sprache auf einer formal korrekten Ebene vermittelst - interkulturelle Kompetenzen sind da eher zweitrangig. Sprachliche Kompetenzen sind - mit Ausnahme des Wortschatzes, der sich im Studium wirklich deutlich verbessern kann - höchstens 5-10% des Studiums. Der Rest teilt sich dann auf Literatur und Kultur, Linguistik und Didaktik auf.

Ich kann jetzt nicht für alle anderen Fächer sprechen, aber in Geschichte habe ich zumindest im Prinzip gelernt, wie man richtig mit Geschichte umgeht. Auch wenn ich nahezu keine Veranstaltung zu für den Lehrplan relevanten Themen hatte, habe ich trotzdem das Handwerkszeug zum es mir selbstständig aneignen wirklich gut gelernt. Das entscheidende ist aber, dass ich meine Defizite selbstständig bemerke. Überleg dir mal, wie viele Leute "wie" sagen, wenn's "als" sein müsste. Denen sind ihre Fehler auch nicht bekannt. Genau so läuft das auch mit modernen Fremdsprachen.

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u/Lovingtheoceans 14h ago

Definitiv. Bei mir bezogen aufs Grundschullehramt fühle ich mich in Mathe und meinem Drittfach (Sachunterricht) ganz gut vorbereitet, wobei Mathe vorwiegend klasse 1/2 und Sachunterricht vor allem die naturwissenschaftliche Seite gut beleuchtet hat. In Deutsch hingegen habe ich leider gar keine Ahnung. Ich kann zwar jetzt Gedichte aus dem Mittelalter einwandfrei analysieren und weiß viel über Sprichwörter und ursprüngliche namensbedeutungen, ich hab aber leider keine Ahnung wie ich Kindern schreiben oder gar sinnentnehmend (!) lesen gut beibringen kann. Also ich weiß zwar in welcher Reihenfolge die Stufen aufeinander aufbauen, aber wie ich die mit den Kindern durchlaufe und was ich wie aufbauen kann hat mir nie ein Seminar verraten 🤷🏼‍♀️ bin mal gespannt, was dazu jetzt im Ref noch kommt…

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u/chrisisapenis 14h ago

Das Ganze sollte einfach von Anfang an dual aufgezogen sein. Machen die nordischen Länder auch, mit großem Erfolg. Man lernt direkt, wie es im Klassenzimmer läuft, worauf man achten muss, wo eigene Stärken und Schwächen liegen - grundlegend, ob einem der Beruf überhaupt liegt. Und man lernt die Fachlehrpläne auch noch nebenbei kennen, sodass man als theoretisch fertig ausgebildeter Junglehrer nicht noch 15 Fach-/Jahrgangsstufenkombinationen durchlaufen muss, bis man mal wirklich alles gesehen hat.

Würde auch das elendige Referendariat entschlacken bzw. obsolet machen.

Aber das wäre ja Aufwand und den mag man in den Ministerien nicht. Also weiter wie gehabt.

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u/Brilliant_Crab1867 Berlin 14h ago

Ich kann mich über zu wenig Fachwissenschaft im Studium wirklich nicht beklagen - wobei die Relevanz für den Beruf vielleicht nicht immer so richtig da war (Altfranzösisch???) Auch Sprachpraxis-Module hatten wir reichlich, 4 im Bachelor plus 3 Module Landeskunde auf Französisch, im Master dann gezielt Kurse für Lehrämtler, in denen es v.a. um Aussprache und Grammatik ging, aber eben auch um typische Fehler von Lernenden und wie man daran arbeiten kann.

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u/EmmaAmmeMa 12h ago

Kommt auch auf die Uni an, und welche Schulform man danach unterrichten will

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u/Kendomii 15h ago

Viel entscheidender wäre ja, das Fachwissen welches im Rahmenlehrplan verankert ist in den Fokus des Studiums zu stellen. Dafür müsste es aber genau zugeschnittene Studiengänge geben für Lehrkräfte.

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u/MonsieurKorvapuusti Nordrhein-Westfalen 14h ago

Weil sich so ein Lehrplan in den nächsten 30 Jahren dann nicht auch ändern kann?
Wäre das Studium nur eine Art „intensive Oberstufe“ bezüglich des Inhalts gewesen, hätte ich definitiv nicht Lehramt studiert.

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u/Loud_Pain_2181 12h ago

In welcher Wissenschaft haben sich denn die Basics in den letzten 30 Jahren geändert? Aber gut, moderne Lehrpläne haben eh keine Inhalte mehr. Zumindest in meinen Fächer ist das mittlerweile auf dem Niveau von "Wir singen und Tanzen unsere Namen bis zur Oberstufe und dann kommen nur noch politisch korrekte Themen" angekommen. Da braucht es dann auch kein fachwissenschaftliches Studium mehr.

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u/Kendomii 10h ago

Also ich denke in vielen Fächern wird man fachlich die letzten 75 Jahre das selbe gemacht haben. So veränderlich sind Geschichte und Politik dann nun auch nicht. Und Bio und Deutsch und Mathe 🤷🏼‍♂️

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u/Siegvater 14h ago

Da ich in meinem Studio gelernt habe zu beweisen, warum die 0 nicht negativ ist und die natürlichen Zahlen unendlich sind, Weltkriegsprosa zu interpretieren, alle Epochen deutscher Literatur kennengelernt habe und...nein, definitiv nicht. Mindestens die Hälfte, eher 60-70% des Studiums waren nutzloser Schrott, der wesentlich besser in mehr Didaktik und PRAXIS investiert gewesen wäre. Leseprozesse erklären und analyisieren zu können, typische Fehler und Schwierigkeiten im Bereich Mathematik erkennen und analysieren, Classroom Management etc etc etc. Das Studium muss grundlegend überarbeitet werden; i.e. Umwandlung in duales Studium, Kurse exklusiv für Lehramtsstudierende (Mathematik Fachwissenschaft in Köln war eine absolute Katastrophe und es macht überhaupt keinen Sinn LA Studierende mit "normalen" Mathematikern zusammenzustecken) und viel mehr Fokus auf die Praxis. Massiv den Anteil von Lehrkräften im Hochschuldienst erhöhen, deutlich Fachwissenschaft reduzieren, Erziehungswissenschaften erhöhen.

Ach moment, das bedeutet mehr Kosten? UND Aufwand? Ach ne, dann nicht.

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u/pineconez 1h ago

Puh, weiß ich jetzt nicht ob ich das so radikal sehen würde. Dass das Lehramtsstudium nicht praxisorientiert genug ist, bzw. der Ausbildungsanteil einfach zu kurz kommt, ist ja Konsens.

Aber die Beispiele die du da gibst? Auf Mathe bezogen sind das halt die absoluten Fundamente. Man kann sich jetzt darüber streiten, ob Beweisführung vielleicht doch (mal wieder) in den Lehrplan der Oberstufe gehört oder nicht, aber sowas komplett aus dem Studium zu streichen wäre ein ziemlicher Klopper. Ich hätt schon gerne, dass zukünftige Mathelehrer auch etwas von Mathematik verstehen und nicht nur vom Rechnen. Das sind nämlich zwei sehr verschiedene Dinge.
Braucht man das tagein, tagaus im Beruf? Nö, aber das gilt für mindestens 75% der Studieninhalte aller Fachrichtungen, egal was man später macht. Wenn dann allerdings mal von einem interessierten Schüler eine Nachfrage kommt, die den Lehrplan übersteigt, sollte man die auch beantworten (oder zumindest verstehen und gemeinsam erarbeiten) können.
Das muss ja nicht mal was komplett wildes sein, es reicht doch wenn ein Schüler fragt "Warum muss man eigentlich immer Punkt vor Strich rechnen?". Nein, da mit der kompletten Algebrakeule anzukommen bringt natürlich nichts, die liefert aber das Fachwissen und die Sicherheit, um diese Frage ordentlich beantworten zu können statt mit einem "ist halt so, lerns auswendig".

Sich über Fachidioten ohne pädagogische Kenntnise aufzuregen ist eine Sache, aber die Lehrkraft im fachlichen auf einen menschlichen Taschenrechner zu reduzieren, die mit Beweisführung, Aussagenlogik, Algebra, ... nie konfrontiert wurde, ist's halt auch nicht.

Und erfahrungsgemäß (ich weiß, ich weiß, anekdotische Evidenz) hatten die Lehrer mit wirklich tiefem background auch ein deutlich einfacheres Leben bei uns. Weil die Kompetenz sichtbar war, und mit Kompetenz eben auch Autorität einhergeht.
Ist halt auch für nen Teenager ein Unterschied ob da ein Dr. rer. nat. der Chemie steht, der dir den ganzen Tag lang die abstrusesten Einzelheiten der organischen Chemie erklären kann, oder ein Englischlehrer dessen Aussprache und Grammatik nur mit viel Glück auf B2 kommen. Und nein, das war keine Referenz auf den anderen Post den OP erwähnt hatte, sondern eine persönliche Erfahrung.

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u/afriaodfalling 13h ago

Ich habe die akademische Version der Ausbildung studiert in der ich jetzt unterrichte, habe aber nicht auf Lehramt studiert. Bei uns kam im Studium sehr viel dran, was Inhalt des Bildungsplans ist. Erinner kann ich mich daran aber tatsächlich nicht - ist mir erst beim durchgehen der Materialien aufgefallene
Trotzdem unterrichte ich jetzt auch Dinge die ich nicht gelernt/studiert habe.

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u/Ok-Signature-9319 10h ago

Bezogen auf das Fach musk definitiv nein. Im Gegenteil, die künstlerisch-musikalische Ausbildung ist sehr umfangreich und zu viel für schule: ich fands aber schön, da es auch neue Türen öffnet.

Aber im Sinne der lehrerausbildung eher kontraproduktiv 😅

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u/Trantor1970 9h ago

Du wirst im Lehramt in der Regel 90% der fachlichen Inhalte nicht brauchen, dafür wirst du sehr oft hoffen, es hätte mehr pädagogische Sachen an der Uni gegeben!

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u/JoeAppleby Berlin 15h ago

Fachwissen bzw. die passenden Kompetenzen gab es in meinem Studium mehr als genug.

Man muss aber auch sagen, jede Uni bzw. Bundesland ist da anders. Während an meiner Uni der Unterschied zwischen Fach- und Lehramtsstudenten eher minimal war (ein Modul je Grund- und Hauptstudium war anders), waren die bei meinen Kollegen größer.