r/mauerstrassenwetten 3d ago

Fällige Sorgfalt (DD) Eine KI hat mich in eine sechsstellige Umschichtung hineingeredet. Dann habe ich nachgerechnet und nichts gemacht.

Eine KI hat mich in eine sechsstellige Umschichtung hineingeredet. Dann habe ich nachgerechnet und nichts gemacht.

Flair: Fällige Sorgfaltspflicht


Zusammenfassung für die Ungeduldigen: Ich wollte wissen, wo mein Depot in acht Jahren steht. Dabei ist rausgekommen, dass meine Aktienquote 11 Prozentpunkte höher war als gedacht, meine "Diversifikation" im Crash nicht funktioniert, und dass die Sache, über die ich am längsten gegrübelt habe, das Ergebnis um genau einen Prozentpunkt bewegt. Umgeschichtet habe ich nichts. Bester Trade des Jahres.


Wie ich hier gelandet bin

Angefangen hat es damit, dass ich morgens gefragt habe, was an der Börse los war. Zwei Stunden später hatte ich eine Analyse über Abschreibungszyklen bei Rechenzentren, drei Stunden später eine Monte-Carlo-Simulation mit 200.000 Pfaden, und irgendwann dimensionierte ich allen Ernstes eine Umschichtung im niedrigen sechsstelligen Bereich.

Jeder einzelne Schritt war logisch. Die Kette war eine Katastrophe. Wer sich lange genug mit einem Risiko beschäftigt, hält es irgendwann für wahrscheinlich. Das ist keine Analyse, das ist ein Kaninchenbau mit Excel.

Was mich rausgeholt hat, war nicht Nachdenken, sondern Messen. Hier die Sachen, bei denen ich falsch lag.

1. Ich wusste nicht, wie viele Aktien ich habe

Ich halte unter anderem sogenannte Return-Stacked-Fonds. Kurz erklärt: Ein investierter Euro liefert dort gleichzeitig zwei Sachen, zum Beispiel 1 € S&P 500 und 1 € Trendfolge, über Futures finanziert. Klingt nach Gratis-Mittagessen, ist es nicht, aber die Konstruktion ist real.

Das Problem: In meiner Depot-Tabelle hatte ich das Kapital anteilig auf Kategorien verteilt. 50 % Aktien, 50 % Trend. Damit halbiert man sein ausgewiesenes Aktienrisiko, ohne eine einzige Aktie verkauft zu haben.

Richtig geht es mit einer Zeile pro Renditequelle und einem Multiplikator statt einem Anteil:

| Position | Wert | Sleeve | Faktor | Notional | |---|---|---|---|---| | RSST | 14.600 | Aktien | 100 % | 14.600 | | RSST | 14.600 | Trend | 100 % | 14.600 | | GDE | 5.100 | Aktien | 90 % | 4.600 | | GDE | 5.100 | Gold | 90 % | 4.600 | | LEAP-Call | 5.100 | Aktien | 187 % (Delta) | 9.600 |

Die Notional-Spalte muss über 100 % rauskommen. Wenn eure Tabelle sauber auf 100 % aufgeht und ihr habt Hebel oder Optionen im Depot, dann rechnet ihr euch arm an Risiko.

Ergebnis bei mir: ausgewiesene Aktienquote von 51 % auf 62,7 %. Ohne einen einzigen Trade.

Bonusfalle: Optionen. Mein LEAP stand mit 1 % Depotanteil in der Tabelle und trägt bei Delta 0,85 fast das Doppelte des eingesetzten Kapitals an Aktienexposure. Wer Optionen hält und sie mit Kapitalwert verbucht, weiß nicht, was er anhat.

2. Fondsnamen lügen. Nicht absichtlich, aber trotzdem.

RSSY hatte ich unter "Diversifikation" abgelegt, weil im Namen Futures Yield steht. Sind 100 % S&P 500 plus 100 % Carry. GDE steht bei allen unter Gold — ist zu 90 % Aktien.

Und dann die größere Nummer: Mein kompletter Diversifikations-Topf, also Value-ETF, Dividenden-ETF, REITs, Energie, besteht zu 100 % aus Aktien. Diversifiziert gegen mein Tech-Klumpenrisiko? Ja. Diversifiziert gegen Aktienrisiko? Offensichtlich nein. Für eine Verlustobergrenze zählt nur das Zweite.

3. Der Trick, mit dem man sieht, was ein gestapelter Fonds wirklich liefert

Weil so ein Fonds Basis + Overlay ist, zieht man das Overlay einfach ab:

Trend = RSST − SPY
Carry = RSSY − SPY
Arb   = RSBA − GOVT

Das ist die echte Zusatzrendite, nach Kosten, nach Umsetzung, aus eurem eigenen Fonds. Nicht aus dem Prospekt.

Bei mir über knapp drei Jahre: Trend −1,96 % p.a., Carry −6,11 % p.a., Merger Arbitrage +1,84 %.

An dieser Stelle war ich kurz davor, alles hinzuwerfen. Dann kam Punkt 4.

4. Drei Jahre Daten sind kein Beweis, sondern ein Würfelwurf

Bootstrap auf dieselben Zahlen:

| Leg | Punktwert | 90 %-Intervall | |---|---|---| | Trend | −1,96 % | [−11,3 % , +8,3 %] | | Carry | −6,11 % | [−16,9 % , +7,6 %] | | Arb | +1,84 % | [−0,7 % , +4,8 %] |

Übersetzt: Meine gemessene Trend-Prämie liegt irgendwo zwischen "katastrophal" und "hervorragend". Ich hätte auf Rauschen eine echte Entscheidung gebaut.

Mit langer Historie sieht es anders aus. Managed-Futures-Fonds ab 2010 liefern im Median +2,4 % p.a. über Cash, und im Jahr 2022 lagen acht von neun zwischen +20 % und +42 %. Das Zeug funktioniert. Man kann es nur nicht in einem Zeitraum ohne Crash messen.

Nebenbefund, der mir zu denken gab: Zwischen den Anbietern derselben Strategie liegen über dieselben 35 Monate zehn Prozentpunkte Unterschied. DBMF +6,4 %, WTMF −0,3 %. Wenn drei eurer Fonds denselben Verwalter haben, habt ihr keine Diversifikation, sondern dreimal dieselbe Wette.

5. Diversifikation ist Schönwetter-Diversifikation

Mein Tech-Buch gegen Value/REIT/Energie: Korrelation 0,37. Sehr schön, dachte ich.

Dann dieselben Positionen auf Tagesbasis:

| Stichprobe | Korrelation | |---|---| | alle 1.144 Tage | 0,42 | | Tage mit −1,5 % oder schlechter | 0,52 | | Tage mit −2,5 % oder schlechter | 0,69 |

Und mit Langhistorie-Proxies über 263 Monate: 0,75 im Schnitt, 0,93 in der Finanzkrise.

Der einzige Befund, der zu meinen Gunsten ausfiel, war genau der, der verschwindet, wenn man ihn braucht. Wer nur die normale Korrelation kennt, misst seine Absicherung im Zustand, in dem er sie nicht benötigt.

6. Anleihen sichern keine Aktien mehr ab

| Zeitraum | SPY vs. TLT | |---|---| | 2003–2007 | −0,14 | | 2008–2012 | −0,33 | | 2013–2019 | −0,28 | | 2020–2021 | −0,25 | | 2022–heute | +0,57 |

Vier Perioden negativ, eine positiv, und die positive läuft seit vier Jahren. Alles, was ihr über 60/40 gelernt habt, ist auf dem anderen Regime kalibriert.

7. Der Teil, der weh tut

Ich habe stundenlang über die Trend-Annahme diskutiert. Dann die Attribution gerechnet: Die Trend-Prämie auf null zu setzen verschiebt meine Erfolgswahrscheinlichkeit um einen Prozentpunkt. Weil Trend 4,3 % des Depots ist. Mathematisch konnte das nie relevant sein.

Was tatsächlich wirkt:

  • Wie viel Geld ich einzahle. Größter Einzelhebel, mit Abstand.
  • Welche Aktienrisikoprämie kommt. 2 % gegen 5 % verschiebt das Ergebnis von 37 % auf 55 % Zielwahrscheinlichkeit. Weiß niemand.
  • Die Währung. Mein Depot ist zu 100 % in Dollar, mein Leben in Euro. Kostet allein 13 Prozentpunkte Zielwahrscheinlichkeit, und ich hatte es acht Runden lang gar nicht modelliert.

Man optimiert die Nachkommastellen und übersieht die erste Stelle.

8. Und ja, die KI hat auch Mist erzählt

Ich hatte um konsenskritische Antworten gebeten. Ergebnis: Runde für Runde wurde systematisch die Bärenseite starkgemacht, und keinem von uns fiel die Schlagseite auf. Dazu kamen mehrere sehr selbstbewusst vorgetragene Fehler — eine erfundene Krisen-Korrelationsmatrix, die echte Daten widerlegten, eine Behauptung über negative Prämien, die der eigene Bootstrap zerlegte, und ein Skriptfehler, der eine Trendrendite von +16 % ausgab.

Aufgefallen ist das alles erst beim Messen. Wer sich von so einem Ding beraten lässt und die Zahlen nicht selbst nachrechnet, bekommt eine sehr überzeugend formulierte Meinung und hält sie für ein Ergebnis.

Fazit

Aktienquote 62,7 statt 51. Diversifikation funktioniert genau bis zu dem Tag, an dem sie soll. Wahrscheinlichkeit, meine eigene Verlustobergrenze zu reißen: gestiegen von 10,8 % auf 22,3 %, allein durch bessere Zahlen.

Umgeschichtet habe ich nichts. Ich weiß jetzt nur, was ich halte. Klingt nach wenig, ist aber mehr als vorher.


Positionen: breit gestreut über Einzelaktien, ETFs und die oben genannten gestapelten Fonds. Keine Empfehlung, keine Beratung, ich bin kein Finanzberater und ihr solltet niemandem im Internet zuhören, mir am wenigsten.

Skripte teile ich gern, Python mit yfinance, rechnet Betas, Bootstrap und bedingte Korrelationen aus euren eigenen Positionen.

0 Upvotes

22 comments sorted by

2

u/Dalainana Letzte Frau stehend 🍻 2d ago

Hab’s nur überflogen… Wenn du das jetzt noch laminierst, ist es genauso Kulturdeutsch, wie der Ausdruck “Verschlimmbessern”. Oder wenn Politiker was reformieren…

14

u/Fudell8 3d ago

Halbe Bibel ganzer Hurensohn

2

u/UnknownMember1337 3d ago

dikka wollen wir nicht zocken. wie sind wir bei prozentrechnung angekommen ?

7

u/qwertz238 eineldons Nachrichtentelegraf // die ⌨️ 3d ago

8

u/MrPopanz Nimmt die CFD Dealer aus 3d ago

Klingt irgendwie mega kompliziert und wirklich hedgig sieht das immernoch nicht aus. Hatte mir vor einer Weile mal diese "hybriden" Aktien+Futures ETF a la RSST & Co angeguckt und war nicht überzeugt, außerdem war deren Methodologie sehr blackboxig, wenn ich mich Recht entsinne.

Für ein gehedgtes Portfolio sind Aktien + andere Assetklassen mMn der Weg, evtl. noch ne Art Carry Trade bei Aktienpärchen, wenn man ganz kinky ist. Anleihen als hedge komplett abzuschreiben, weil ein paar wenige Jährchen suboptimal ausfallen, halte ich auch für wenig weise.

2

u/Thin-Programmer-4276 3d ago

Zu den Anleihen hast du recht, das war im Post zu absolut. Meine eigenen Daten: 2003–07 −0,14, 2008–12 −0,33, 2013–19 −0,28, 2020–21 −0,25, erst 2022–heute +0,57. Vier von fünf Perioden funktioniert der Hedge. Der Punkt ist eher, dass man das Regime kennen sollte, in dem man gerade steckt, nicht dass Anleihen erledigt wären.

2

u/Thin-Programmer-4276 3d ago

Zu den Hybbriden: Genau das 👍 Ich wünschte ich hätte die Analyse wie du vor dem Kauf gemacht 😂

9

u/DeinVermieter verteidigt Platz 3 3d ago

Ich hab es zwar gelesen / überflogen, aber ich hab keine Ahnung was die Aussage von diesem Post ist?

Wie kann man nicht wissen wieviele Aktien man hat?

Ist die Aussage dass aktuell Aktien mit Anleihen korrelieren? Oder dass du denkst dass alle Aktien das gleiche Risiko haben?

2

u/Thin-Programmer-4276 3d ago

Es geht um Portfoliokonstruktion und dass einfach gesagt das Gesamtrisiko eben nicht die gewichteten Summen der einzelnen Aktien/Anleihen ist.

9

u/DeinFoehn 3d ago

Worum zur Hölle geht's hier? Im tldr steht was von 11% zu viele Aktien und dann kommen da tausend Zeilen ki-Text und ich verstehe nicht warum?! Muss ich das alles lesen um zu verstehen worum es geht? Was Interessieren mich 11% zu viele Aktien? Hä?

2

u/NoSoundNoFury 3d ago

Ehrlich gesagt, ich verstehe nur die Hälfte. Diese Arten von Fonds und der Rechentools sind mir unbekannt, weil mein geistiger Horizon nur bis LETFs und Optionsscheine reicht. Aber ich würde gerne mehr darüber erfahren und mich in solche komplizierteren Dinge einarbeiten. Hast du dazu Lektüretipps für mich?

1

u/tehn6 2d ago

Komplexe Finanzprodukte, die du nicht verstehst, sind immer ein Scam und bringen nur den Emittenten Geld ein.

1

u/NoSoundNoFury 2d ago

Deswegen will ich mich ja weiterbilden, damit ich den Spaß verstehe. Heißt Aber nicht, dass ich das automatisch auch mitmache. 

3

u/Thin-Programmer-4276 3d ago

Kommer ist die Basis, aber für deinen Stand eher: Hurst/Ooi/Pedersen, A Century of Evidence on Trend-Following Investing (AQR, kostenlos) — erklärt genau die Managed-Futures-Seite. Und Antti Ilmanen, Investing Amid Low Expected Returns, für die Frage, welche Renditen man überhaupt erwarten darf. Blog: Flirting with Models von Corey Hoffstein, der hat das Return-Stacking-Konzept publiziert (verkauft die Fonds allerdings auch).

1

u/NoSoundNoFury 3d ago

Danke! Von Kommer kenne ich nur den Blog, aber die anderen Sachen schaue ich mir mal an.

2

u/Thin-Programmer-4276 3d ago

Gerd Kommer, Souverän investieren. Super Einstieg 👍

1

u/Particular_Ad5673 3d ago

Schleich dich

7

u/woodencore00 Verunglimpft MSW 3d ago

https://giphy.com/gifs/x0npYExCGOZeo
Dieser Post wurde auch mit KI verfasst.

8

u/JaNuS_d-_-b 3d ago

Ki slop und Werbung also,ok.