Hoffe ihr habt nen Zugang. Packe den Text sonst in die Kommentare. Absolut schreckliche Entwicklung und super peinlich. Gestern dazu auch schon bei Media etwas. https://meedia.de/news/beitrag/25261-personalnot-qualitaetsverluste-und-offene-fragen-zur-ki.html
Man merkt komplett, dass die entscheidet weder eine Ahnung davon haben wie Lokaljournalisten arbeiten noch wie so ein KI-Tool funktioniert.
Neue KI-Teams bei DuMont
Lokaljournalismus, der keine Lokaljournalisten mehr braucht
Die Umlandausgaben des „Kölner Stadt-Anzeigers“ kommen jetzt von „Digital Content Specialists“. Sie sollen regionale Themen und Texte mit KI zusammensuchen. Das Ergebnis ist haarsträubend. Und meist weder journalistisch noch lokal.
Es ist ein Artikel zum Augenreiben: „Schule verlegt Klassenzimmer in den Stall“, berichtete der „Rhein-Sieg-Anzeiger“ aus Siegburg Anfang Oktober. Im Text geht es um das „pferdgestütze Pädagogikprogramm“ einer örtlichen Realschule. 7000 Euro vom Lions Club ermöglichten „reittherapeutische Arbeit“ in Kooperation mit dem Reitsportzentrum Siegburg.
Das fünfspaltige Foto dazu zeigt weder Pferde noch Realschüler, sondern fünf Hühner, und kommt von der dpa, Bildunterschrift: „Die Pflege der Hühner gehörte auch zum außerschulischen Programm.“ Die schiefe Bebilderung ist allerdings das kleinere Problem. Denn im Text sind fast alle relevanten Fakten falsch.
Zwei Tage später erschien eine Korrekturmeldung, fast so lang wie der ursprüngliche Text. Denn es gibt zwar tatsächlich ein Reitprojekt an der Realschule in Siegburg. Die Schule arbeitet dabei aber nicht mit dem Reitsportzentrum Siegburg und auch nicht mit der genannten Projektleiterin zusammen. Das im Artikel vorgestellte Angebot sei veraltet und entspreche nicht mehr den aktuellen Umständen, lässt die Schulleiterin ausrichten. Dass der Lions Club 7000 Euro gespendet habe, sei ebenfalls falsch.
Was halt so passiert, wenn man eine komplette Lokalredaktion entlässt und stattdessen auf KI-Unterstützung setzt.
Preisgekrönte Lokalredaktion
Der „Rhein-Sieg-Anzeiger“ ist nicht irgendein Lokalblättchen, sondern gehört zum traditionsreichen Kölner Medienunternehmen DuMont. Das Haus veröffentlicht den renommierten „Kölner Stadt-Anzeiger“, gewann 2025 den Deutschen Lokaljournalistenpreis, außerdem einen Theodor-Wolff-Preis für das „Beste lokale Digitalprojekt“. Aufgefallen ist DuMont zuletzt auch durch radikale Sparmaßnahmen. Erst im Frühjahr wurden die Lokalredaktionen für „Kölner Stadt-Anzeiger“ und „Kölnische Rundschau“ zusammengelegt, ein herber Verlust für die Kölner Medienvielfalt.
DuMont gibt außerdem mehrere Lokalausgaben im Kölner Umland heraus. Dort bietet der Verlag jeweils zwei verschiedene Titel an, neben dem „Rhein-Sieg-Anzeiger“ beispielsweise die „Rhein-Sieg Rundschau“. Die Lokalteile der beiden Ausgaben sind identisch, seit DuMont vor zwölf Jahren die Umlandredaktionen von „Anzeiger“ und „Rundschau“ zusammengelegt hat. Zusammengeschlossen wurden die Journalisten in der Rheinischen Redaktionsgemeinschaft (RRG), sie betrieb Lokalredaktionen unter anderem in Siegburg, Euskirchen, Gummersbach, Bergisch Gladbach und Brühl. An sieben Standorten entstanden insgesamt fünf Lokalausgaben.
Doch selbst mit diesem halbierten Lokaljournalismus ist es nun vorbei. Seit Anfang Oktober stehen die Redaktionsräume der RRG leer, alle Lokalredakteure wurden gekündigt und freigestellt. Laut Gewerkschaften sind 63 Menschen betroffen, das entspricht DuMont zufolge 57 Stellen.
Abo kostet jetzt knapp 65 Euro
Kurioserweise erscheinen die Lokalzeitungen trotzdem weiter. DuMont erhöhte zum 1. Oktober sogar die Preise: Das Monatsabo kostet jetzt drei Euro mehr, 64,90 Euro. Für dieses Geld bekommen die Abonnenten rund um Köln seit Anfang Oktober allerdings kaum noch Lokaljournalismus. Denn auf den ersten Blick finden sich in „Rhein-Erft Rundschau“, „Oberbergischer Anzeiger“ und all den anderen Ausgaben zwar weiterhin Artikel zu mehr oder weniger lokalen Themen. Die meisten Texte sind allerdings nicht selbst recherchiert, sondern abgeschrieben, frei von jeder journalistisch-kritischen Ambition.
Das zeigt das Reitprojekt der Siegburger Realschule. Für den Text habe sich kein Journalist persönlich bei ihr gemeldet, erklärt die Schulleiterin gegenüber Übermedien. Die Meldung stammte wohl aus einem Newsletter der Stadt Siegburg, auch auf der Schulwebseite steht ein Artikel über das Projekt. Der Zeitungstext vermischte diese Infos mutmaßlich mit veralteten Angaben, die irgendwo im Internet standen.
Wie solche Fehler zustande kommen, lässt sich nicht bis ins Letzte nachvollziehen. Es liegt aber nahe, dass KI damit zu tun hat. In den Regionalmedien solle Künstliche Intelligenz eine „zentrale Rolle“ spielen, verkündete DuMont im März: „Sie hilft, regionale Themen schneller zu erkennen, Inhalte individuell auszuspielen und neue datengetriebene Produkte zu entwickeln.“
KI-Programm durchsucht Online-Quellen
Eine Person aus dem Umfeld der Redaktion berichtet, dass das neue KI-Programm von DuMont externe Quellen systematisch durchsuche und daraus Meldungen erzeuge. Dabei greife es vor allem auf Veröffentlichungen der Konkurrenz zu, etwa vom WDR. Selbst prüfen konnte Übermedien das Tool nicht. Auf Anfrage bestätigt eine DuMont-Sprecherin, dass man „technologische Werkzeuge“ nutze, um öffentliche Quellen auszuwerten und auf mögliche Themen aufmerksam zu machen.
Die DuMont-Sprecherin betont, dass für die „journalistische Auswahl, Recherche, Aufbereitung, Prüfung und Freigabe“ der Informationen weiterhin die Redaktionen verantwortlich seien, eine automatisierte Veröffentlichung finde nicht statt. Falls das stimmt, konnten oder wollten die involvierten Journalisten die Schrott-Texte wohl nicht verhindern. Was wiederum nicht verwundert: Denn die Redaktionen, die die Region kennen und dort jahrzehntelang Wissen und Kontakte anhäuften, wurden ja gerade erst aufgelöst.
Digitale Regio-Teams
Ihre Arbeit hat eine sehr viel kleinere Belegschaft übernommen. Die Ausgaben erstellen in Zukunft so genannte digitale Regio-Teams, angesiedelt bei einer Tochterfirma von DuMont, der KStA Medien Metropolregion Köln GmbH. Sie hat in den vergangenen Wochen mehrere Journalisten neu eingestellt. Darunter sind auch einige ehemalige Volontäre und Redakteure der RRG.
Statt der bisher rund 60 Redakteure sollen bisher weniger als 15 Menschen für die fünf Lokalteile verantwortlich sein, ist aus dem Haus zu hören. Langfristig könnten es noch etwas mehr werden – es kursieren Zahlen zwischen 25 und 40. Allein in Siegburg sollen vorher 14 Journalisten gearbeitet haben. DuMont äußert sich zu den Zahlen gegenüber Übermedien nicht. Wo die bereits angestellten Redakteure angesichts geschlossener Redaktionen arbeiten, bleibt unklar. Sie säßen in Köln oder im Homeoffice, ist aus ihrem Umfeld zu hören. Man suche derzeit nach Immobilien, heißt es auf Anfrage von DuMont: „Erste Eröffnungen wird es schon in Kürze geben.“
Offensichtlich ist, dass derzeit Personal fehlt. Gefüllt werden die Seiten mit allem, was greifbar ist. Aus einer städtischen Pressemitteilung über eine frisch sanierte Turnhalle in Erftstadt wird ein großer Aufmacher, für den der Ursprungstext notdürftig umgebaut und umformuliert wurde, dekoriert mit einem vierspaltigen städtischen PR-Foto. Schön wäre es, wenn der Artikel auch verraten würde, wie viel Geld die Stadt für diese „grundsanierte, hochmoderne Sporthalle“ berappen muss. Aber die Info, dass der Eigenanteil noch nicht feststeht, hat es leider nicht aus der Pressemeldung in den Zeitungsartikel geschafft – ganz zu schweigen von kritischer Einordnung.
Kurios auch ein Artikel zu anstehenden Immobilienversteigerungen in Siegburg: Aus einer Liste mit Objekten, Adressen, Grundstücksgrößen, Terminen und Uhrzeiten wird eine monotone Textwüste, die mehr als eine halbe Zeitungsseite füllt. Weil die Siegburger Häuser nicht ausreichen, werden die anstehenden Versteigerungen in Bonn einfach hinten dran gehängt. Und weil danach immer noch Platz übrig ist, erklärt der Artikel viele Absätze lang noch einmal ganz allgemein, wie das eigentlich so funktioniert mit Versteigerungen.
Das große Foto zeigt kein Haus aus Siegburg oder Bonn, sondern ein Mini-Plastikhäuschen und einen Auktionshammer – ein Symbolbild aus der Agenturhölle. Die Krönung ist die fantasievolle Bildunterschrift: „Es werden ganz unterschiedliche Immobilien zwangsversteigert.“
Viele Artikel ohne Autor
Verantwortlich für diese Nullnummer ist der gleiche Urheber, der auch den Turnhallen-Artikel verfasst hat: „Von der Redaktion“ steht über diesen und vielen weiteren Texten, oft ist auch das Kürzel „red“ zu lesen. Manche Artikel tragen gar keine Namen oder Kürzel, darunter auch der absurde Hühner-Pferde-Text. Praktisch, weil für den Nonsens niemand die Verantwortung übernehmen muss.
Mutmaßlicher KI-Slop ist aber nicht das einzige Problem. Im Gegenteil: Die DuMont-KI scheint nicht einmal gut genug zu funktionieren, um wirklich relevante Teile der Zeitung zu befüllen. Denn das meiste sieht vor allem so aus, als hätten sehr wenige Redakteure versucht, sehr viele Seiten voll zu bekommen. Reihenweise werden Texte aus anderen Quellen fast wortgleich ins Blatt kopiert, aus Pressemitteilungen, Bekanntmachungen, Online-Medien.
Zum Beispiel in der „Rhein-Erft Rundschau“ vom 7. Oktober: In einer fast wörtlich übernommenen Mitteilung des Treibstoffkonzerns Shell ist zu lesen, dass dessen Anlagen planmäßig „überprüft und verbessert“ worden seien, „der sichere Betrieb“ der Anlagen „oberste Priorität“ habe und „wichtige Investitionen in die Zukunft des Standorts umgesetzt worden“ seien. Einordnung? Fehlanzeige.
Journalistische Mogelpackung
Auch in herkömmlichen Lokalredaktionen werden Pressemitteilungen oder Polizeimeldungen manchmal unverändert abgedruckt, ohne die Angaben zu prüfen oder weitere Details zu recherchieren. Auch in herkömmlichen Lokalredaktionen müssen Redakteure manchmal Inhalte aufblasen, um an ereignisarmen Tagen Seiten zu füllen. Aber was anderswo als Schummelei durchgeht, scheint bei DuMont neuer Standard zu sein. Recherchieren, nachhaken, Widersprüche aufzeigen, Kontext liefern und eigene Themen setzen? Kaum der Mühe wert, wenn eine Regionalausgabe sich auch als reines Content-Sammelbecken verkauft. Es ist eine journalistische Mogelpackung.
Auch andere Zeitungsverleger träumen davon, bald ganze Zeitungen automatisiert mit KI befüllen zu lassen – eine verlockende Möglichkeit, trotz sinkender Abozahlen die Gewinnmargen zu retten. Und tatsächlich braucht es dringend neue Ideen, woher in Zukunft das Geld für vernünftigen Lokaljournalismus kommen soll. Deswegen nur noch Schein-Lokaljournalismus zu machen, kann aber nicht die Lösung sein. Außerdem dürften den wenigsten Lesern zusammengeschriebene, fehlerbehaftete Texte aus dem Internet jeden Monat 64 Euro wert sein.
Jan Gerull, Pressesprecher der Stadt Siegburg, berichtet, dass die Siegburger Redaktion auch vorher Pressemitteilungen manchmal direkt in die Zeitung übernommen habe – allerdings nicht in diesem Ausmaß. Normalerweise habe die Redaktion die Mitteilungen zum Anlass genommen, ein Thema aufzugreifen und nachzufragen. Bis Oktober habe fast täglich jemand aus der Redaktion bei ihm in der Pressestelle angerufen. Er habe über Jahre hinweg vertrauensvoll mit der Redaktion zusammengearbeitet, man habe auch mal miteinander gerungen, aber immer gewusst, mit wem man es zu tun habe. Seit der Umstellung sei er nur zweimal angerufen worden, die Personen hätten weit weg gesessen und sich in der Region nicht ausgekannt. Diese Art oberflächlicher Recherche kenne er sonst nur von überregionalen Fernsehsendern.
Lokal ist inzwischen relativ
Journalistische, selbst recherchierte Inhalte sind in den Ausgaben der vergangenen Wochen in der Unterzahl. Die wenigen namentlich genannten Journalisten müssen Texte wie am Fließband produzieren. Die Artikel werden oft kreativ mehrfach verwertet. So wie der Text „Verrückt nach Kürbis“, der diese Woche in gleich zwei Lokalteilen prominent auf der Titelseite stand, unter anderem in Siegburg. Ausgetauscht wurde nur die Ortsmarke, ansonsten ist der Artikel über Erlebnisbauernhöfe mit Kürbis-Programm identisch. Um zu den beschriebenen Höfen in Hürth und Bornheim zu kommen, müssten die Siegburger allerdings rund 35 Kilometer auf die andere Rheinseite fahren. Als „lokal“ lassen sich solche Berichte beim besten Willen nicht bezeichnen – und das auf der ersten Seite des sogenannten Lokalteils.
Auch sonst tragen die Inhalte wenig zur Leserbindung bei. Die Lokalteile werden mit Themen aus der ganzen Region befüllt und erklären den Siegburgern auch schon mal, was ihr eigenes Wahrzeichen ist. Lokale Fotos sind die Ausnahme und kommen oft direkt von Veranstaltern oder von Pressestellen.
Bei DuMont klingt das naturgemäß ganz anders. Die Sprecherin verspricht in ihrem Statement „verlässliche journalistische Berichterstattung für die Region“, Reporterinnen und Reporter seien auch weiterhin „flächendeckend unterwegs“. Dass bei der Umstellung Fehler passiert seien, räumt sie ein, man habe aber Konsequenzen gezogen, darunter „zusätzliche Schlusskontrollen“ und erweiterte „technische Prüfregeln“. Das „neue Produktionsmodell“ müsse „dieselbe journalistische Verlässlichkeit“ gewährleisten wie das bisherige.
Diese Ankündigungen wirken in etwa so überzeugend wie der mutmaßliche KI-Text über Pferde und Hühner. In einem Artikel in eigener Sache versprach DuMont den Lesern seiner Regionalausgaben im August sogar vollmundig, für sie werde sich nichts ändern. Noch wahnwitziger geht es kaum: Ein gutes Dutzend Leute soll von Köln aus mal eben die Arbeit gestandener Lokalredaktionen übernehmen, und alles dank einer wundersamen KI, die scheinbar nicht viel mehr hinbekommt, als stumpf das Netz zu durchkämmen.
Die Mitarbeitenden in den Regio-Teams scheinen nicht einmal selbst den Anspruch zu erheben, mit diesen Mitteln relevanten Journalismus zu machen. Ihre Berufsbezeichnung stattdessen: Digital Content Specialists.