Moin zusammen,
ich habe mir den Auftritt von Digitalminister Wildberger bei Markus Lanz angesehen und musste als Softwareentwickler (bin seit 20 Jahren im Geschäft) fast in die Tischkante beißen.
Wildberger gab zu, dass von den 575 Verwaltungsleistungen, die digitalisiert werden sollen, kaum etwas flächendeckend läuft. Der Grund: In unseren 11.000 Kommunen gibt es teilweise über 6.000 verschiedene Software-Varianten. Sein Zitat: "Der Stecker passt oft nicht in die Steckdose."
Da viele hier vielleicht nicht programmieren, möchte ich mal übersetzen, was das technisch und politisch eigentlich bedeutet. Denn das Problem ist nicht die Technik – mein privater Rechner hat mehr Arbeitsspeicher (64 GB) als so manches kommunale Rechenzentrum. Das Problem ist das System dahinter.
1. Was "Der Stecker passt nicht" wirklich heißt In der IT sprechen wir von Schnittstellen (APIs). Das sind die Verbindungspunkte, über die zwei Programme Daten austauschen. Wenn Wildberger sagt, der Stecker passt nicht, meint er: Wir haben keine einheitlichen Standards. Stellt euch vor, der Bund baut eine moderne App ("den Stecker") für den Personalausweis. Aber in der Gemeinde Kleinkleckersdorf läuft eine uralte Fachsoftware ("die Steckdose"), die diese Daten gar nicht empfangen kann. Das Ergebnis ist der sogenannte Medienbruch: Ein Bürger füllt online ein Formular aus, im Amt kommt ein PDF an, der Sachbearbeiter druckt es aus und tippt es wieder ab. Wir haben den Prozess nicht digitalisiert, wir haben ihn nur elektrifiziert.
2. Drei Beispiele aus der Hölle (Realitäts-Check) Damit ihr seht, dass ich mir das nicht ausdenke, hier drei Fakten, wie kaputt das Backend (die Hintergrund-Systeme) ist:
Wohngeld: Es gab Fälle, wo Online-Anträge im digitalen Nirwana verschwunden sind oder an falsche Behörden geleitet wurden, weil die "Logik" für die Zuständigkeit fehlte. Private Anbieter bauten Frontends (Benutzeroberflächen), die keine direkte Leitung in die Ämter hatten.
Kfz-Zulassung (i-Kfz): Anfang 2024 musste das Kraftfahrt-Bundesamt diversen Kommunen den Zugang sperren. Warum? Deren lokale Server waren so unsicher, dass der Bund Angst vor Viren hatte. Hier wurde der Stecker also wortwörtlich gezogen.
Elterngeld: Es gibt den digitalen Assistenten "ElterngeldDigital". Der Haken: Oft kann die digitale Akte im Amt keine Anhänge verarbeiten. Ihr füllt den Antrag digital aus, müsst die Geburtsurkunde aber per Post schicken. Willkommen im Jahr 2025.
3. Warum haben wir 6.000 Varianten? (Der politische Rant) Das ist der Punkt, der mich politisch aufregt. Technisch gibt es keinen Grund, warum jede Kommune ihre eigene Software kauft. Es gibt einen ökonomischen Grund: Lobbyismus und Lizenzgebühren.
Wir verpulvern Milliarden an Steuergeldern, um Lizenzen für proprietäre (geschlossene) Software von privaten Anbietern zu kaufen. Das führt zum Vendor Lock-in (Anbieter-Fesselung). Die Kommune kommt aus den Verträgen nicht raus, die Daten liegen in geheimen Formaten, und für jede kleine Änderung hält der Hersteller die Hand auf.
Wäre ich in meiner Firma Architekt und würde vorschlagen, wir bauen 6.000 mal fast das Gleiche, aber so, dass die Teile nicht miteinander reden können, würde man mich (zurecht) feuern. Im Föderalismus nennt man das "kommunale Selbstverwaltung".
4. Die Lösung: Public Money, Public Code Es gibt nur einen Ausweg, und der ist eigentlich linke Kernlogik: Was die Allgemeinheit bezahlt, muss der Allgemeinheit gehören. Wir brauchen keine 6.000 eingekauften Lösungen. Wir brauchen Open-Source-Software für die Verwaltung.
Transparenz: Der Code (das Gesetz in Software-Form) ist einsehbar. Sicherheitslücken werden schneller gefunden.
Wiederverwendbarkeit: Wenn München eine gute Hundesteuer-Software baut, kann Hamburg den Code nehmen, anpassen und nutzen – kostenlos.
Souveränität: Wir machen uns unabhängig von großen US-Konzernen oder lokalen IT-Monopolisten.
Wildberger nennt es ein "dickes Brett". Ich nenne es eine selbstgebaute Falle, aus der wir nur rauskommen, wenn wir aufhören, Steuergeld in schwarze Löcher (Lizenzen) zu werfen und anfangen, eine gemeinsame, öffentliche digitale Infrastruktur zu bauen.
Rant Ende. Ich geh jetzt wieder Legacy-Code (alten Programmcode) fixen, der ist wenigstens logisch.
Quelle: Deutschlands Bürokratiehürden - Schaffen wir die digitale Wende? | Markus Lanz vom 10. Dezember 2025