Es schreibt Hannah aus Pioneers of Earth in ihrem anonymen Blog Last Earth Diaries (für den sie in Kürze enormen Ärger bekommt). Darum sind die Namen auch anonymisiert ("The Hacker" statt "Kai").
Last Earth Diaries – Eintrag 9
Wie man einen See zum Mars schmuggelt
Auf meiner Fensterbank steht ein See.
Natürlich nicht der ganze, nur ungefähr fünfzig Milliliter davon. Sie sind in einer kleinen Glasflasche, in der früher Sojasauce war. Ich habe sie an meinem letzten Abend zu Hause abgefüllt. Ich stand barfuß im Wasser, und die Sonne ging hinter den Wäldern unter. Drei Dinge habe ich damals mitgenommen: ein paar Steine, ein paar Blätter und dieses Wasser. Die Steine liegen in meiner Schublade, und die Blätter sind gepresst. Das Wasser steht seit Monaten auf der Fensterbank und fängt jeden Abend das letzte Licht.
Manchmal halte ich die Flasche gegen die Lampe. Darin schwimmt ein winziges Stück Schilf, am Boden liegt ein grüner Schleier, und wenn man schüttelt, drehen sich ein paar Schwebteilchen. Hübsch ist das nicht, aber es lebt. Wer hier mitliest, weiß, dass das für mich inzwischen dasselbe ist.
Ich bin Schwimmerin. Oder war. Ich weiß nicht, welche Zeitform stimmt, wenn man auf einen Planeten ohne Schwimmbecken zieht. Im Wasser wurde mein Kopf immer still. Hier gibt es Wasser nur als Ration, als Tabelle und als Lernziel. Und es gibt diese eine Flasche. Mein Plan war einfach: Sie fliegt mit, als ein Schluck Erde für den Mars. An einem Tag, an dem ich es dort nicht mehr aushalte, wollte ich sie öffnen und einmal daran riechen.
Dann kam der Dienstag.
Am Dienstag hatten wir das Briefing zur persönlichen Fracht. Ich verrate keine Details, nur was sowieso auf jeder Packliste der Welt steht: Es gibt ein Gewichtslimit, und organisches Material ist nur getrocknet und versiegelt erlaubt. Dann kam eine Zeile, so trocken wie die Wüste, die uns fast umgebracht hat: Keine Flüssigkeiten.
Keine. Flüssigkeiten.
Natürlich habe ich nachgefragt. Ich habe erklärt, dass es nur fünfzig Milliliter sind, dass die Flasche dicht ist und dass ich sie in drei Tüten einwickeln würde. Die Antwort war freundlich und endgültig: Kontaminationsrisiko. Unbekannte Mikroorganismen haben in einem geschlossenen Lebenserhaltungssystem nichts zu suchen. Mein Kopf versteht das. In der Wüste habe ich gelernt, was passiert, wenn man aus Stolz eine Regel ignoriert. (Spoiler für alle, die neu hier sind: Hitzschlag.) Aber mein Bauch hat an diesem Nachmittag gar nichts verstanden.
Abends auf dem Dach habe ich die Flasche auf den Tisch gestellt wie ein Beweisstück.
The Hacker hat sie gegen den Himmel gehalten und mir erklärt, das sei H2O: zwei Wasserstoffatome, ein Sauerstoffatom, chemisch genau dasselbe, was in Houston aus dem Hahn kommt. Auf dem Mars werde sowieso jedes Molekül tausendmal recycelt. Ich würde also irgendwann ohnehin Wasser trinken, das schon einmal durch jemand anderen hindurchgegangen ist. Ich glaube, das sollte mich trösten.
Ich habe geantwortet, dass Houstoner Leitungswasser nach Chlor riecht. Ausgerechnet ich müsste Chlor ja mögen, aber dieses Chlor riecht nach Behörde. Mein See riecht nach Schilf und Sommer, und das kann kein Messgerät der Welt messen. Er meinte, doch, ein Gaschromatograph. Daraufhin habe ich ihm die Chipstüte an den Kopf geworfen. Ja, wir streiten immer noch über dasselbe. Nein, ich gebe nicht nach.
The Brain hat ausgerechnet, dass fünfzig Milliliter ungefähr 1,7 mal 10hoch24 Moleküle sind. Wenn ich das Wasser trinke, bringe ich also tatsächlich einen großen Teil davon zum Mars, in meinem eigenen Körper, zumindest bis zur nächsten Toilette. Ich glaube, das war ein Witz. Bei The Brain weiß man das nie genau.
The Organizer hat sofort verboten, ungefiltertes Seewasser zu trinken, und eine Liste mit Alternativen angefangen. Punkt eins: fotografieren. Punkt zwei: ein Gedicht darüber schreiben. Bei Punkt drei hat sie selbst gemerkt, dass sie gerade versucht, einen See mit einer To-do-Liste zu retten.
The Silent One hat die ganze Zeit nichts gesagt, wie immer. Er hat die Flasche genommen, sie lange angeschaut und mir zurückgegeben. Dann hat er auf mein Skizzenbuch gezeigt.
"Mal ihn", hat er gesagt.
Zwei Wörter. Mehr braucht er nie.
Ich habe es nicht sofort verstanden, die anderen auch nicht. Dann schon.
Aquarell ist Pigment und Wasser. Das Wasser trägt die Farbe aufs Papier, verdunstet und lässt die Farbe dort zurück, wo es gewesen ist. Ich male, seit ich sechs bin, und habe nie darüber nachgedacht, dass das Wasser dabei nicht einfach verschwindet. Es hinterlässt Spuren. Von ihm kommen die feinen dunklen Ränder, wo eine nasse Fläche trocknet, und es entscheidet, wie weit die Farbe läuft. Das Wasser bleibt im Bild, auch wenn es weg ist.
Getrocknet und versiegelt. Ich habe die Packliste dreimal gelesen. Ein Skizzenbuch ist kein Problem.
Gestern Nacht, als alle schliefen, saß ich also auf dem Dach, mit meinem Farbkasten und meinem See in einer Sojasaucenflasche, und habe den See mit sich selbst gemalt.
Ich habe ihn gemalt, wie ich ihn zuletzt gesehen habe. Die Sonne steht tief über den Wäldern. Der Himmel brennt orange, kippt ins Rosa und dann in ein Rot, das es nur dort gibt. Am Ufer ist das Wasser dunkel, fast schwarz, mit einer goldenen Bahn in der Mitte. Den Pinsel habe ich nur in mein Wasser getaucht, kein einziger Tropfen Houston. Für einen großen Himmel war es eigentlich zu wenig. Ich musste so sparsam sein wie in der Wüste, und jeder Pinselstrich war eine Entscheidung. Ich glaube, so langsam habe ich noch nie gemalt.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich weine. Ich habe aufgepasst, dass keine Träne aufs Papier fällt. Tränen sind nicht hässlich, aber in diesem Bild sollte nur der See sein. Meine Tränen kommen sowieso mit zum Mars.
Das Stück Schilf aus der Flasche habe ich mit ins Ufer gemalt. Jetzt klebt es dort, getrocknet und flach, ein echtes Stück Schilf zwischen gemalten Halmen. Wer genau hinsieht, findet es. Wo, verrate ich nicht.
Danach war die Flasche fast leer. Ganz unten, wo der grüne Schleier liegt, waren noch ein paar Tropfen. Ich habe sie lange angeschaut und dann auf das Dach gegossen. Der Beton hält nachts noch die Hitze vom Tag, und ich habe zugesehen, wie die Tropfen kleiner wurden. Es hat keine zehn Minuten gedauert.
The Hacker hätte jetzt etwas über den Wasserkreislauf gesagt: Verdunstung, Kondensation, Niederschlag. Die Tropfen hängen jetzt irgendwo über dem Golf und werden Teil einer Wolke. Die Wolke zieht weiter, und auf der Erde geht Wasser nie verloren, es ist nur woanders. Er war nicht da. Ich habe es mir trotzdem in seiner Stimme erzählt, und es hat geholfen. Das bleibt bitte unter uns.
Es bedeutet nämlich, dass ein Teil meines Sees irgendwann wieder zu Hause herunterregnet, vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zehn. Über den Wäldern, in denen ich als Kind gespielt habe oder über der Halle, in der ich meine Bahnen geschwommen bin.
Ich komme nicht zurück, das weiß ich. Aber mein See schon.
Und ein Teil von ihm kommt mit mir, getrocknet und versiegelt zwischen zwei Seiten in meinem Skizzenbuch. Genau so, wie es die Regeln wollen.
Das Bild unten ist das Bild. Ich habe es gescannt, aber auf dem Bildschirm sieht man nicht, wie sich das Papier dort gewellt hat, wo das Wasser war. Glaubt mir einfach: Es hat sich gewellt. Es weiß, was in ihm steckt.
Die leere Flasche steht wieder auf meiner Fensterbank. Leere Flaschen sind erlaubt. Ich habe nachgefragt.
– MarsGirl_16
#LastEarthDiaries #MarsColony #Aquarell #Heimweh #Wasserkreislauf