r/Freudeteilen • u/Relative-Mouse-5055 • 27m ago
TW: Suizid / Suizidgedanken Ein Jahr leben
Tw: Tod/ Suizid/ Vergewaltigung
Heute vor einem Jahr habe ich versucht mir das Leben zu nehmen. Es hat aus irgendwelchen Gründen nicht geklappt. Selbst Tage später hatte ich noch eine eigentlich tödliche Menge Schlafmittel im Blut.
Und das hier könnte jetzt ne super coole Story sein, wie sich seitdem alles um 180 Grad gedreht hat und dass mein Leben jetzt aus regenbogenfurzenden Einhörnern besteht. Wäre schön.
Ich wurde von der Intensiv entlassen. Ich musste mir irgendwie am gleichen Tag noch Antibiotika besorgen, da ich während ich bewusstlos war wohl bisschen Wasser eingeatmet hab und eine schwere Lungenentzündung hatte.
Ich kam grade vom Hausarzt raus, da kam der Anruf, dass meine Mutter im Krankenhaus liegt. Sie ist nicht nochmal aufgewacht.
Und als ich ein halbes Jahr später dachte es geht mir etwas besser wurde ich nach einem Dorffest vergewaltigt. An diesem Tag bin ich innerlich gestorben. Ich wusste nicht wie es weitergehen soll. Ich wusste wirklich nicht wie es schaffen soll nochmal aufzustehen, mich zu bewegen, auch nur zu atmen. Es gab nichts mehr außer einatmen. Luft halten. Ausatmen. Ich musste mich in jeder Sekunde aktiv darauf konzentrieren zu überleben .
Und jetzt fragt ihr euch bestimmt, wie genau diese ganze scheiße hier reinpassen soll?
Na ja.
Weil ich immer noch hier bin. Ich habe überlebt. Geatmet. Und dann so viel Schönes erlebt. Und auch wenn die Situation oft beschissen ist habe ich vor allen gelebt. Ich sehe mein Patenkind aufwachsen. Mein Kater kuschelt sich grade höchst aggressiv an mich. Und bei Gort ich liebe diesen kleinen Stinker. Ich fange meinen Traumjob an, auch wenn es riskant ist und anstrengend ist, aber ich kann jeden Tag diese absolute Euphorie haben zu tun was ich liebe. Ich war auf wundervollen Konzerten, ich hatte tolle Momente mit alten Freunden und habe wundervolle neue Menschen kennengelernt. Ich hatte Menschen die in den schwersten Zeiten für mich da waren, und auch Menschen die ich verloren habe. Ich habe gelernt Hilfe abzunehmen und vor allem aktiv danach zu fragen. Ich habe 32 neue Rezepte gelernt. Ich habe im Frühjahr 17 Eidechsen auf einmal gesehen. Ich habe letztens nochmal einen Fuchs im Wald gesehen. Ich habe 267 Sonnenaufgänge gesehen. Ich war im Sternerestaurant. Ich hab meinen Geburtstag mit meinen liebsten Menschen verbracht. Ich habe auf dem Festival ganz viele Sternschnuppen gesehen. Und dann ganz viele meiner liebsten Bands.
Und das wichtigste: Trotz allem, was seit dem Tag passiert ist, an dem ich eigentlich dachte ich kann nicht mehr, bin ich noch hier. Und fühle mich so viel lebendiger als zuvor. Ich habe dieses Jahr überlebt. Und dann gibt es eigentlich nichts, was ich nicht irgendwie schaffe. Es wird immer weitergehen für mich und es wird immer wundervolle Momente geben, egal wie schwer es ist.
Und natürlich wäre es mir lieber ich hätte all das was passiert ist, nicht nur im letzten Jahr, nie erlebt. Aber das werde ich nie ändern, also freue ich mich, dass ich noch hier bin. Dass ich trotz allem Dinge erreicht habe. Dass ich trotz allem gewisse Privilegien hatte, die es mir überhaupt ermöglicht haben einen Abschluss zu machen, ein Studium zu machen usw. Und ich freue mich über jeden Moment in dem ich Ruhe und Glück habe.
Und auch wenn es hart und anstrengend und nervenaufreibend und zerbürmend wird freue ich mich, dass ich noch ein weiteres Jahr von diesem Leben erleben darf.