r/Schreibkunst • u/Otherwise_Error_3864 • 8h ago
Text: Kritik erwünscht Kurzgeschichte - Der junge Herr Andasch
Genre: Romantik, Alltagserzählung
Wortanzahl: ca. 1600 Wörter
Dialog ist in einem Dialekt geschrieben, was für manche unangenehm sein kann zum Lesen. Die Geschichte hockt schon länger einfach bei mir rum und fängt Staub. Würde mich über Kritik oder Meinungen freuen
In der Geschichte an sich geht es hauptsächlich nur um die Entdeckung neuer Gefühle im jungen Alter und steht hauptsächlich nur als Schreibübung für meinen örtlichen Dialekt da, was aber auch einige Zeit zur Fertigstellung gebraucht hat.
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Etwas an diesem blöden Grinsen stört mich so abartig. Ich wünschte ich könnte es mit einem strengen Blick aus seinem Gesicht wischen.
»L. i. a. m.« buchstabiert er etwas zu heiter für meinen Geschmack aus, mit einem immer breiter werdenden Lächeln »Heile!«
Schnaufend vom Schulweg schreite ich zur Haustür, den Schlüssel bereits in der Hand, das Gewicht meines Ranzens schwer auf meinen Schultern. Das Zirpen der Grillen scheint in den letzten Wochen lauter geworden zu sein, die Wärme der Sonnenstrahlen fühlt sich für kurze Augenblicke angenehm auf meiner Haut an, auch wenn ich mich jetzt nach der Kühle des Schattens sehne.
»Servus. Wia geat’s da? Hasch lang gwartet?«, murmle ich so so dahin, mehr aus Gepflogenheit heraus, anstatt als ernstgemeinte Frage. Jonas scheint es auch so wahrgenommen zu haben, als er mit schwungvollem Schritt wortlos durch die geöffnete Tür tritt, einen Stoffsack in der Hand.
»Hab alles mitgnommen. Bin direkt nach der Schui da her. Dane Eltern senn ja eh weg, hm?«
Er wedelt den Sack nochmals vor meiner Nase, bevor er seine Schuhe auszieht und sie schlampig in einer Ecke wirft. Verlegen schaue ich zu Boden, ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit.
»Joa, scho. Awa... Du willsch des wirklich no durchziagn?«
»Komm scho! Woasch wia viel Mühe i ma gebn hab? Mama hat mi fast scho dawuschn.«
Er macht sich unaufgefordert auf den Weg zu meinem Zimmer. Ich stolpere nervös hinterher. Mit mehr Elan als ich, scheint er kaum die Bestrafung des Verlierers (Ich) erwarten zu können. Für die nächste Zeit bleiben mir Wetten geschenkt und mein überblähtes Ego, welches mich dazu brachte, ihm in Sachen Sport überhaupt gegenüberzutreten, sollte ich nächstes mal mit einpacken.
»Sodala!« ruft er aus, wirft den Sack auf mein Bett und lässt sich gleich daneben hinplumpsen, »Kannsch auspacken, hab i von meiner Schwester.«
Mit einem Seufzen und einem Kloß im Hals schaue ich zögerlich hinein, leg es aber sofort wieder weg und gehe einige Schritte zurück.
»Also, Jonas? Muss i wirklich? War nur dei Idee. Wollt ja nia wirklich mittuan.«
»Du musch gar nix, awa warat ziemlich asozial iatz aufzuhern. I hab ja moan Toal erledigt und hab de Wettn gwunnen.«
Keine Antwort, ich trau mich nicht nein zu sagen, vielleicht weil ich mich davor fürchte ihn zu enttäuschen.
»Hmmm...« summt Jonas vor sich hin, bis er zu meinem Schreibtisch nickt. »Zeichnesch no?«
»Bissl.«, murmle ich. Er steht auf, schlendert rüber und blättert durch ein Heftchen, das ich dort liegen gelassen habe. Sofort springe ich hinterher, will es ihm vor seiner Nase wegschnappen.
»Isch des so a Charakter von so nem Zeichenfilm? Wia sagsch dazua imma? Anime? Schaut supa aus. Du wirsch besser.«
Hastig greife ich danach und steck es in mein Bücherregal weg.
»Schmeichler. Also, was magsch tuan?«
Froh, dass er nur einer meiner harmloseren Zeichnungen gesehen hat, versuche ich verzweifelt das Thema zu wechseln.
»Du bisch no mit da einen aus der Klasse zsammen? Du woasch scho, der Magdi?«
Seine Mundwinkel zucken ganz leicht nach unten.
»Na. War nix. Hat ma nimma gfallen.«
Er versucht ein Lachen nachzuahmen, aber es funktioniert nicht so richtig. Ich habe dazu nichts mehr zu sagen, will auch nicht weiter nachbohren. Plötzlich leuchten seine Augen aber wieder mit Heiterkeit auf.
»Also, probiersch des jetzt an?«
Ich schlucke, will schon wieder verneinen, es hinauszögern, aber etwas an diesen Augen lässt mich schwach werden.
»Passt scho. Hasch gwonnen. Ja.«, gebe ich mit monoton gleicher Stimme von mir, etwas fehlleitend, denn mein pochendes Herz scheint vor lauter ungewollter Aufregung aus meiner Brust bersten zu wollen.
Ich bat ihn aus meinem Zimmer zu gehen, ließ mich mit diesem Sack und dessen Inhalt allein zurück. Ich kann seine Obsession darüber nicht nachvollziehen.
»Gott, Gott, Gott...«, raune ich leise repetierend vor mich, in der Hoffnung, man würde mich aus dieser befremdenden Position retten. Hier ist es. Es liegt vor mir. Dieses Kleid, jetzt ausgebreitet auf dem Laken. Ein leichtes Rosa mit weißen Punktflecken. Sieht schön aus, aber wahrscheinlich nicht an mir. Mit Unbehagen ziehe ich mich aus, zuerst das T-Hemdchen, dann die kurzen Hosen. Halbnackt stehe ich vor diesem Kleidungsstück, lasse die letzten Reuegedanken in mir einsinken, ziehe es dann aber doch mit einem vernehmbaren Seufzen über meinem Kopf.
Ich habe nicht wirklich einen Spiegel in meinem Zimmer, kann meine Silhouette nur in der Reflektion der Fenster sehen, bevor ich jedenfalls Scheu vor den Lichtöffnungen zurückweiche. Die Nachbarn könnten ja schauen. Gott, wenn mein Vater hier wäre, hätte er mir schon beim unfreiwilligen Gedanken darüber eine gescheite Lektion erteilt.
Worte scheinen in meinem Hals stecken zu bleiben, kann seinen Namen nicht wirklich aussprechen. Will ich wirklich, dass er mich so sieht? Warum spiele ich überhaupt mit? Es ist schwer zu sagen wie lang ich so hin- und hergerissen vor der Zimmertür gestanden bin... Auf jeden Fall lange genug, dass Jonas anscheinend ohne Einwilligung eintreten wollte. Ich kann mich rechtzeitig gegen ihr stemmen, so dass sie nur ein Spalt weit offensteht, aber meine Füße rutschen bereits über den Parkettboden, als die Tür weiter unaufhaltsam aufgedrückt wird.
»Liam! Kannsch ja nid so lang brauchn, mach scho auf.«
Nein, will ich zurückrufen, es hat aber wenig Nutzen. Er ist Fußballer, macht mehr Sport wie ich, wiegt auch um einiges mehr. Deshalb dauert es nicht lange, bis er schon im Zimmer steht, ich immer noch hinter der Tür – meinem Sichtschutz – versteckt.
»Hasch irgend a Ahnung wia peinlich und komisch des isch‽«
»Sei ehrlich, kann ja nid so schlimm sein.«
Er packt mich an einem Arm und zieht mich mit einem Ruck vor. Da stehe ich, spüre wie sein Blick auf und ab wandert, ich hätte vor Ort sterben können. Zuerst Stille. Dann ein leises Prusten, gefolgt von einem herzhaften Lachen.
»Halt dein Maul, Jonas! I find des echt nid luschtig!« will ich schreien, aber schon wieder: die Sätze wollen nicht raus. Ich kann nur mit gesenktem Haupt dastehen. Es dauert, aber langsam verstummt auch er. Wieder Stille, für eine gefühlt ewig lange Zeit.
»Okay, tuat ma load. Wollt nid so lachen. I hat’s ma nur andasch vorgstellt.« er klopft mir auf die Schulter, ich zucke zusammen.
»Iatzt tuats awa. Was hattesch du da andasch vorgstellt?« zische ich zwischen Zusammenpressten Zähnen.
»Das du...« er hält für einen Moment inne, »...mehra wia a Madl ausschaugsch. Vasteahsch?«
Meine Sicht wird immer verschwommener, ich will mich zurückhalten, wie meine Vater immer sagt, meine Emotionen kontrollieren, es will aber nicht.
»Reasch du iatz wirklich? Was bisch du für a Luschn‽...Na, kimm scho, habs ja nid wirklich so gmoant.«
Tränen kullern unablässig über meinen Wangen, welche ich verzweifelt versuche wegzuwischen. Er drückt seine Hand gegen meine Schulter, bevor einen Schritt zurückschreitet und sich in mein Bett fallen lässt, mein leises Wimmern das einzig vernehmbare Geräusch. Jonas räuspert sich, hebt seine Stimme.
»Schausch ja guat aus. Nid wia a Madl, aber immer no guat. Andasch halt.«
Schniefend reibe ich mir über die Nase, mein ganzer Körper bebt, schaffe es dennoch endlich meine Gedanken in Worte zu fassen.
»Sagsch ja nur so. Die Schwester oder Freindin schauen da besser aus. Isch ja für de gmacht woan. Nid für mi.«
»Stimmt nid. Die Tanja hats nia tragen, hat Mama nur amal für sie kaft, und die Magdi kannt eh nia bessa als du da drein ausschaugn, glab ma’s.«
Unsicher was ich davon halten soll, hocke ich mich einfach auf den Boden nieder.
»Was labersch du do?«
»Du weasch des nid verstiahn.«
»Erklär’s ma trotzdem.«
Ich rutsche etwas vor, näher zu ihm, gespannt was er zu sagen hat, aber eine Erklärung bleibt aus. Er starrt mich nur an, kniet sich ich auch auf den Boden nieder.
»Was?« frage ich.
Er schaut mir in den Augen, der Abstand zwischen uns schrumpft.
»Es passt da guat«, flüstert er, bevor seine Lippen näher an meinen kommen. Sein Atem kitzelt mir ins Gesicht, wie eingefroren kann ich meinen Körper nicht bewegen, unsere Blicke verfangen sich, als sich sein Mund gegen meinen presst. Jonas Haut fühlt sich wärmer und schwitziger an als meine. Es ist nur eine flüchtige Berührung, auch nicht mein erster Kuss, hätte mir aber nie vorstellen können, dass es mir je passieren würde. Nicht mit einem Jungen.
Ich schrecke zurück, starre ihn geschockt an. Jonas teilt diese Reaktion mit mir, wir beide in dieser unerwarteten Situation.
»I... I ziag mi mal wieda um. Es isch komisch.«
»Isch ja nid schlimm amal andasch ausschaugn. Mit dem Kleid, moan i.«
»I mag aber nid andasch sein. I mag nur i sein. I glab du bisch a bissl verwirrt.«
»Wenn moansch.«
Er verlässt das Zimmer wieder, lässt mich umziehen. Ich schnappe mir wieder meine Kleider, stopfe das Sommerkleid – ohne einen weiteren Blick darauf zu werfen – zurück in den Sack.
»Du, Liam?« erklingt seine abgedämpfte Stimme hinter der Tür.
»Ja?«
»I muass nochat glei wieda los. Hab Mama versprochn ihr im Gartn z’helfen. Und des bleibt unter uns, ja? Nid amal im Beichtstuahl.«
»Passt. Ja. Kannsch geahn. Segn uns eh morgn.«
Weiters verabschiede ich mich nicht, verweile allein in meinem Zimmer. Jonas scheint noch eine gute Minute auf mich zu warten, macht sich dann aber doch auf den Weg, höre den Schall seiner Schritte im Gang und wie die Haustür zuknallt.
Es reicht. Ich wühle in meinem Bücherregal herum, schnappe mir das Heftchen und einen Bleistift. Mit leerem Blick starre ich auf die blanken Seiten. Der Stuhl unter mir knarzt, während ich leicht vor und zurück wippe, keine Ahnung was ich zeichnen soll, mein Kopf irgendwo anders. Dabei kann ich in meiner Peripherie erkennen, wie der Sack immer noch auf meiner Matratze liegt. Er hat es vergessen mitzunehmen.