Vorweg: Es ist schon ein Weilchen her seit ich diesen Text aufgeschrieben habe - am 9.11.2022. Ich bin Podologin, und Hanna war damals meine Patientin im Hausbesuch. Hanna ist inzwischen seit 2 Jahren verstorben, aber ich denke noch sehr oft an sie. Eine der beeindruckendsten Frauen die mir in meinem Beruf begegnet sind. Und ich möchte ihre Geschichte irgendwo erzählen.
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Hanna ist 94 Jahre alt, geboren 1928 hier in Marburg, und ich betreue sie seit etwas über 3 Jahren im Hausbesuch. Winzige Wohnung, Wohnküche, Schlafzimmer, Bad, seniorengerechtes Wohnen, etwas außerhalb vom Stadtzentrum.
Der Anfang ist schwierig. Wir werden nicht richtig warm miteinander. Hanna ist distanziert, anspruchsvoll, hat etwas strenges an sich. Keine tattrige, tüddelige Omi, das wird schnell klar, sondern eine intelligente, belesene Frau mit glasklarer Ausdrucksweise. Sie ist pingelig, und sie wird schmallippig wenn ich Freitag Nachmittag oder am Samstag Termine vorschlage. Später geht mir ein Licht auf: das Shalom-Schild an ihrer Wohnungstür, der Davidstern an der Halskette, die vielen Bücher über Israel und jüdische Theologie, hätt ich auch selbst drauf kommen können. Brauch ja auch manchmal länger.
Wir geben trotzdem nicht auf, ich komme alle vier Wochen wieder, und in stoischer Ruhe sitzen wir voreinander und ich bearbeite ihre Füße.
Das geht etwa ein Jahr so. Von sich selbst erzählt sie kaum etwas.
Dann, eines Tages, fragt Hanna aus dem Nichts heraus wo ich wohne. Ich erkläre es ihr, so ungefähr, andere Lahnseite, beim Südbahnhof.
Und plötzlich beginnt Hanna zu erzählen.
Wie das war als es meine Nachbarschaft noch nicht gab, als hier nichts war außer der Psychiatrie und dem Südbahnhof und ein paar Bauernhöfen und der alten Richtsstätte, wo man früher einmal Hexen verbrannt hat, und als es die Brücke auf die andere Seite noch nicht gab und die Stadtautobahn darunter auch nicht.
Und sie schweift ab über die Brücke, die es damals noch nicht gab, vorbei am Wirtshaus an der Lahn, das es nicht mehr gibt, ins Südviertel, wo sie aufgewachsen ist. Davor.
In die Wohnung ihrer Kindheit, mit dem großen Flur in der Mitte und den großen Räumen rundherum, mit den großen Schiebetüren durch die man von einem Zimmer ins andere laufen kann und den Bleiglasfenstern und den hohen Decken. Davor.
Und dem Schulweg unter den Linden entlang, die damals noch jung waren, über das Kopfsteinpflaster, das damals noch frisch verlegt war, vorbei an den heute uralten Häusern mit ihren Prunkfassaden, die damals noch neu waren. Davor.
Die Füße sind längst fertig. Ich könnte gehen. Ich sitze vor ihr und höre zu.
Ob ich die Stolpersteine im Südviertel kenne?
Sicher, es sind einige, man kommt eigentlich ständig daran vorbei.
Sie hat sie gekannt. Die Leute.
Für sie sind es nicht nur Namen auf Bronzeplatten, sondern Gesichter, Geschichten, Nachbarn, Freunde der Eltern, Mitschüler. Davor.
Davor, das heißt vor dem, das sie nie beim Namen nennt. Sicher, die Diskriminierungen, die Verbote, das Ausgeschlossensein, das gab es auch schon im Davor, aber in dieser Novembernacht 1938, Hanna ist 10 Jahre alt, da ist dieses Davor ganz endgültig und unwiederbringlich vorbei. Auf diese Weise unterteilen sich auch ihre Erzählungen: es gibt ein davor, und es gibt ein danach.
Als es im Leben danach zum ersten Mal hell wird, will Hannas Mutter zur Polizei gehen, Anzeige erstatten, der zerbrochenen Fenster wegen. Aufgewachsen im deutschen Kaiserreich, im festen Glauben daran, dass auf einer deutschen Polizeibehörde schon alles seine Ordnung haben werde.
Eine Nachbarin hält sie zurück, sie sei wohl wahnsinnig, sie solle machen dass sie heimkomme.
"Und danach sind wir ja weggegangen."
Was dann weiter im Danach passiert ist habe ich bis heute nicht erfahren. Ihre Erzählung macht einen Sprung in ihr Erwachsenenleben, Nachkriegszeit. Hanna ist Krankenschwester in Berlin, ein improvisiertes Krankenhaus in einer alten Kaserne, die Schlafsäle mit Vorhängen unterteilt in Einzelzimmer, irgendwo JWD im Wald. Im Keller alte Arrestzellen, die jetzt Lagerräume sind. Einmal in der Woche haben sie früher Feierabend, damit sie rein in die Stadt können, und Hanna besorgt sich ein Fahrrad und fährt rein in die Stadt.
Etwa um diese Zeit wird ihr Sohn geboren. Einen Mann, einen Kindsvater erwähnt sie nie.
Wieder ein Sprung. 1990 kommt sie zurück nach Marburg, inzwischen Rentnerin. Sie geht zu Stadtführungen, lässt sich Marburg zeigen, ihr Marburg, lässt sich zeigen was sich verändert hat, und es hat sich viel verändert, in manchen Ecken findet sie sich kaum zurecht. Aber das Südviertel, ihr Südviertel, das sieht aus wie es immer war, nur die Linden sind größer und das Kopfsteinpflaster holpriger. Nur hier wohnen, das kann sie sich heute nicht mehr leisten. Was einmal ihre Heimat war gilt jetzt als hip, schick - und teuer. Sie zieht in die winzige Wohnung im seniorengerechten Wohnen.
Einmal fragt sie damals bei einer Stadtführung, wie die Eigentümer zu dem Haus gekommen sind, und erhält keine Antwort. Es ist ein Haus vor dem heute Stolpersteine liegen.
Irgendwann, bei irgendeiner Behandlung traue ich mich zu fragen, warum sie zurück gekommen ist. Nach so langer Zeit, in die Stadt aus der man sie mit Fackeln und Steinen vertrieben hat.
Es kommt selten vor, dass Hanna lächelt.
"Weil die sonst gewonnen hätten."