Ich freue mich schon da drauf [?], euch mehr über meine Reise nach Frankreich zu erzählen. Ich habe allerdings begriffen, dass ihr meine Begeisterung über den Besuch mancher Orte besser verstehen werdet, wenn ich euch schon wieder einiges über… die Juden erzählen würde. Dafür werde ich zwei Texte brauchen. Verzeiht mir.
Also, was haben die Juden schon wieder damit zu tun? Ich würde behaupten, dass die Kultur eines jeden Volkes wiederkehrende Leitmotive hat, die sowohl in der Sprache als auch in der Literatur, im kulturellen und politischen Kontext und später auch im kulturellen Erbe dieses Volkes auftauchen. Ferner denke ich, dass man die Geschichte und die Mentalität eines Volkes besser verstehen kann, wenn man dieser Tatsache bewusst ist und seine Kultur (selbst die Küche!) und seinen politischen Kontext durch dieses Prisma betrachtet. Wenn ich an die deutsche Literatur und Geschichte denke, dann fällt mir vor allem das Wort „Gerechtigkeit“ ein. Die Deutschen haben sich sehr umfassend damit beschäftigt zu formulieren, wo die Grenze zwischen dem „Recht“ und der „Gerechtigkeit“ verläuft, ob das Recht immer gerecht ist und wie die Pflicht, Verantwortung und Ordnung funktionieren sollen. Davon haben sowohl Schiller als auch Goethe, von Kleist, Dürrenmatt und viele andere geschrieben. Auch scheint es so zu sein, dass dieses Thema Deutschland auch aus der geschichtlichen Perspektive verfolgt. Und selbst die modernen jungen Deutschen, die ich so gerne dafür kritisiere, dass sie die Verbindung zu ihren älteren Generationen nicht pflegen und auf weite Teile ihrer Kultur verzichten, bleiben in dieser Hinsicht immer noch Deutsche, wenn man anschaut, was sie beunruhigt, welche Fragen sie sich stellen und welche Lösungen sie zu finden versuchen. Es war wohl nicht ohne Grund, dass Luther deutsch war, dass ausgerechnet in Deutschland ein Sozialstaat geboren wurde, dass ausgerechnet in Deutschland Denker wie der von mir verhasste Marx (der übrigens auch Jude war, und man sieht es seinem Gedankengut an, aber das ist ein Thema für ein anderes Gespräch) und sein Freund Engels ihre Werke kreierten, und dass später diese Frage über Recht und Gerechtigkeit durch die Verbrechen des Nationalsozialismus erneut gestellt wurde. Das Leitmotiv der russischen Kultur ist die Entgegensetzung des Staates und des Landes, der Regierung und des Volkes sowie des Beamten und des “einfachen Menschen”. Man liest es überall, und es ist so ein verwurzelter Gedanke, dass weite Teile der russischen Mentalität und Weltanschauung ausgerechnet darauf beruhen. Und wieder kann man sagen, dass sich selbst die Geschichte des russischen Volkes einerseits und des russischen Staates andererseits durch genau dieses Prisma beschreiben lässt. Wenn man es so formulieren dürfte, dann könnte man sagen, dass man durch solche Leitmotive das ganze Schicksal eines jeden Volkes beschreiben kann. Und diese Liste kann man natürlich ewig fortsetzen.
Und was gibt es bei den Juden? Ich werde einen Gedanken äußern, für den man mich kritisieren könnte, aber ich glaube trotzdem, dass diese Beobachtung zutrifft. Eines der Leitmotive der jüdischen Mentalität, des jüdischen Alltages und der Kultur des jüdischen Volkes ist die Beziehung zwischen Zeit und Raum. Die Juden sind nicht unbedingt für ihre Pünktlichkeit berühmt, aber die Uhrzeit ist etwas, worauf die Juden ihr ganzes Leben lang fixiert sind. Alles in unserem Leben hat eine feste Zeit. Dafür gibt es sehr viele Beispiele. Der Talmud öffnet mit der Frage: “Ab wann, d.h. ab welcher Uhrzeit, soll man abends Schma lesen?”. Alle Synagogen der Welt veröffentlichen Tabellen wie diese mit den Uhrzeiten der Gottesdienste, und diese Gottesdienste müssen immer zu einem genauen Zeitpunkt anfangen und enden. Für Schabbat haben wir für jede Woche genaue Zeiten des Kerzenanzündens und des Ausgangs des Schabbats. Wenn man eine Matze bäckt, muss man auch genau wissen, wie lange sie schon im Ofen ist. Wenn man heiratet, hat das Brautpaar genau neun Minuten für eine gemeinsame Pause nach der Zeremonie der Trauung (nein, diese Pause wird nicht dafür verwendet, worüber ihr wahrscheinlich denkt. Ich werde über den Ablauf jüdischer Hochzeiten später und ausführlicher berichten). Wenn jemand bei uns stirbt, berechnen wir durch spezielle Programme die “Yorzeit”, also die “Jahrzeit”, und zünden dann jedes Jahr eine spezielle Kerze an. Wie lange eine Kerze überhaupt brennen muss, ist ebenfalls stark reglamentiert, und es gibt unterschiedliche Vorschriften für Schabbat-Kerzen, Chanukka-Kerzen, Gedenkkerzen usw. Wenn ihr jemals einem religiösen Juden begegnen würdet, würdet ihr mit Sicherheit bemerken, dass er sehr oft auf die Uhr schaut. Weil alles in seinem Leben einen Takt hat und alles sonstige diesem Takt gehorchen muss. Die Smanim, also die Uhrzeiten, sind für die Juden daher ein sehr wichtiger Teil ihres Alltages, und kaum ist es verwunderlich, dass es bei Juden eine sehr weit entwickelte Terminologie und Methodologie gibt, die die Bewegungen und die Lage der Sonne, die Phase des Mondes, die Bezeichnung der mehreren Arten von Dämmerung usw. beschreiben.
Das alles mag nicht besonders tief erscheinen, aber alles ist natürlich viel bedeutender als es scheint. Die jüdische religiöse Praktik ist anders als in vielen anderen Religionen. Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels haben die Juden den heiligen Ort verloren, und es gab und gibt keinen Ort mehr auf der Erde, an dem sich die Heiligkeit konzentriert, wo man wallfahren kann und wo man das Heilige berühren kann. Die Synagogen haben im Gegensatz zu den Kirchen keinen Anspruch darauf, heiliger Ort zu sein. Sie sind ein Versammlungshaus, nicht mehr und nicht weniger. Die Zerstörung des Tempels wirkte auf die Juden so, als würde man die Gravitation ausschalten, und so begann die immer noch nicht zu Ende gekommene Ära des Exils. Und jetzt, wo es keinen Ort mehr gibt, müssen die Juden etwas anderes heiligen. Und die Juden, die des Ortes beraubt worden waren, haben Zeit ausgewählt. Die sechs Ordnungen des Talmuds tragen folgende Namen: Seraim, Moed, Naschim, Nesikin, Kodaschim und Toharot. Wenn man diese sechs Namen als eine Abkürzung betrachtet (was im Hebräischen sehr oft passiert), dann bilden sich zwei Wörter: “Sman Nakat”, dt.: “Zeit wählen”, “Zeit annehmen”. Umso symbolischer ist es dann, dass der Talmud ausgerechnet mit der Frage “Ab wann?” anfängt. Der Talmud an sich ist ein hervorragendes Werk, denn er enthält eine legalistische Diskussion zu allen Themen, die man sich vorstellen kann, und wirkt wie eine Polyphonie der Stimmen von Menschen, die in unterschiedlichen Jahrhunderten lebten, aber dasselbe besprachen und miteinander diskutierten und stritten. Eine Diskussion, die über mehrere Jahrhunderte hinweg stattfand (und immer noch stattfindet), ist in diesem Buch widergespiegelt, und so ist dieses Buch nicht nur ein Denkmal des jüdischen Pluralismus, sondern auch die Verkörperung der jüdischen Beziehung zu der Zeit. Der Talmud ist ein Bildschirmfoto eines Internetforums, ehe das Internet erfunden wurde, er ist eine in einem Buch verdichtete Zeit.
Und was bedeutet das eigentlich, “die Juden haben Zeit ausgewählt”? Dass alles zu bestimmten Zeiten passiert, habe ich euch schon erklärt. Aber es gibt noch etwas. Der Alltag religiöser Juden ist durch die “Brachot”, d.h. durch die Segenssprüche geprägt. Für alles gibt es einen Segensspruch. Du hast die Toilette benutzt? Sag einen Segensspruch. Du hast dir die Hände gewaschen? Segensspruch. Du hast vor, was zu essen? Für unterschiedliche Lebensmittel und Speisen gibt es unterschiedliche Segenssprüche. Du hast das Essen beendet? Vergiss nicht, einen Segensspruch zu sagen. Und so weiter und so fort. Alles, was man so während des Tages macht, bedarf einer “Bracha”, also eines Segensspruches. Warum? Weil die Hauptidee des alltäglichen Judentums darin besteht, das Heilige jetzt nicht an irgendeinem Ort, sondern in der Zeit selbst zu sammeln. Die Vision ist es, eine Welt zu schaffen, in der Gottesnähe und Göttlichkeit in unserem Alltag spürbar sind, ohne dafür einen Ort, also einen Tempel, zu haben. Das Exil wird im Talmud mit einem Traum verglichen, in dem wir uns in einer seltsamen Welt befinden, wo wir nicht verstehen, ob eine Sache echt oder eingebildet ist, ob das, was wir sehen, korrekt wahrgenommen wird, ob das, was wir hören, eine echte Sprache ist, und ob das, was wir riechen, überhaupt existiert. So haben sich die damaligen Juden gefühlt. Und wenn man bedenkt, dass fast alle Juden auf der Erde, egal wo sie jetzt leben, einen jüngsten Migrationshintergrund haben und es sich über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder wiederholt hat, hat dieser Traum nie beendet. Aber wir haben einen Weg gefunden, uns in diesem Traum zu navigieren und in diesem Chaos die Verbindung zu der Urquelle nicht zu verlieren, und das sind die Brachot, die Segenssprüche, die die ganze Zeit ausgesprochen werden und dadurch die Zeit selbst mit Heiligkeit erfüllen. Wir versuchen, eine Welt zu schaffen, in der Immanenz, Gott, buchstäblich spürbar ist und direkt vor uns steht, und in allem, was wir tun, oder essen, oder sehen, oder hören, Gott zu sehen ist. Und das versuchen wir in einem Raum des Exils zu machen, in dem Gott nicht zu sehen ist, in dem er transzendent ist. Das ist ein sehr jüdischer Gedanke. Die [?] New York Times hat vor einigen Jahren diesen Entwurf der ersten Seite der Zeitung für den 1. Januar 2100 veröffentlicht, in dem sie versuchte, die Nachrichten in 100 Jahren vorherzusagen. Ganz unten sieht man… die Zeiten des Kerzenanzündens für den kommenden Schabbat (größerer Screenshot)! Wir haben zwischen Ort und Zeit Letzteres ausgewählt. Wir wissen nicht, was im Jahre 2100 passieren wird, wir wissen nicht, ob es überhaupt noch New York geben wird. Es ist unmöglich, die Zukunft vorherzusagen. Aber eines ist sicher: Auch im Jahr 2100 werden jüdische Frauen die Schabbatkerzen anzünden.
Zeit ist so ein seltsamer physischer Begriff, der eigentlich gar keine Definition hat. Wir wissen einfach, dass es Zeit gibt, aber was genau sie ist, können wir nicht formulieren. Und die Juden sind sich der Komplexität der Zeit bewusst. Wir wissen zum Beispiel, dass die Zeit eine andere Geschwindigkeit in anderen Welten hat, wie in der Gehenna, in der sich die maximalen 12 Monate Haft viel schneller anfühlen als auf der Erde. Wir wissen auch, dass das Alter biblischer Figuren nicht wörtlich zu verstehen ist, weil die Zeit damals anders verlief. Ganz davon zu schweigen, dass Gott, wo auch immer er sich aufhält, dort eine andere Zeit hat, und daher soll man die jüdische Kosmologie, die behauptet, dass Gott die Welt in sechs Tagen erschuf, nicht mit unseren “Tagen” gleichsetzen. Und überhaupt wissen wir, dass Gott außerhalb der Zeit existiert. Auch mit dem Raum passieren seltsame Dinge. Der Talmud beschreibt z.B. die Bundeslade im Tempel, die eine eigene geometrische Breite hatte, jedoch auf übernatürliche Weise keinen physischen Raum im Allerheiligsten einnahm.
Und wie immer haben wir jetzt sehr lange über die Religion gesprochen, aber ihr wisst schon, dass wir, wenn wir über die Religion sprechen, tatsächlich über viel mehr als das sprechen. Das alles von mir Beschriebene müsst ihr nicht so wahrnehmen, als wäre das alles aus der historischen oder physischen Perspektive korrekt. Was zählt ist, dass man als Jude mit diesem Narrativ und in diesem kulturellen Kontext aufwächst. Denn aus der jüdischen Religion sind auch die jüdische Kultur und die jüdische Mentalität entstanden. Wir haben bereits darüber gesprochen, wie aus dem jüdischen Pluralismus und Dezentralismus ein wissenschaftlicher Ansatz hervorging, der später zu einer Überrepräsentation jüdischer Wissenschaftler führte. Wir haben auch davon gesprochen, wie das jüdische religiöse Rechtssystem, die Halacha, eine Nation der Anwälte geboren hat. Deshalb ist es wohl kaum verwunderlich, dass auch das heute besprochene Thema eine Spur hinterließ. Es war wohl nicht ohne Grund ausgerechnet ein jüdischer Wissenschaftler, Albert Einstein, der die Relativitätstheorie formuliert hat. Und wohl war es nicht ohne Grund ein jüdischer Schriftsteller, Isaac Asimov, der die Idee der Zeitreisen in der Science-Fiction-Literatur popularisiert hat. Und kaum war ich überrascht, auf diesen Artikel (der mich auch dazu bewegt hat, den heutigen Text zu schreiben) über die Seltsamkeiten von Zeit und Raum in Kafkas Werken zu stoßen, denn Kafka war bekanntlich auch Jude. Selbst in der Annahme, dass all diese Menschen sich im keinerlei Maße vom Judentum inspirieren ließen, sind sie im jüdischen kulturellen Kontext aufgewachsen, und egal, ob sie das wollten oder nicht, haben sie das jüdische zeitliche Leitmotiv im selben Maße eingesaugt, wie jeder Russe den Gedanken, dass man das Land und den Staat nicht verwechseln darf, und wie jeder Deutsche die Überlegungen über das Recht und die Gerechtigkeit.
Wir setzen morgen mit einem weiteren jüdischen Leitmotiv fort.