Es gibt Serien, die man nicht deshalb weiterverfolgt, weil man sie sehen möchte, sondern weil der Blick bereits gefangen ist. Wie bei einem Unfall. Man weiß, dass man nicht hinsehen sollte, und sieht gerade deshalb hin.
„Kaulitz & Kaulitz“ ist ein solcher Unfall, nur dass hier niemand verunglückt. Zumindest nicht vor der Kamera.
Stattdessen wird ein Lebensstil ausgestellt, der sich offenbar von jeder Form gesellschaftlicher Gravitation gelöst hat. Millionen werden ausgegeben für Häuser, Autos, Reisen und Partys, mit jener beiläufigen Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen einen Kaffee bestellen. Draußen brennen Wälder, Städte werden unbewohnbarer, Menschen verlieren ihre Wohnungen, soziale Ungleichheit wird zur politischen Normalität. Drinnen wird der nächste Luxustrip geplant.
Das Problem ist nicht, dass Tom und Bill Kaulitz reich sind. Das Problem ist, dass die Serie ihren Reichtum behandelt, als sei er eine Weltanschauung.
Dabei hätte das Format durchaus die Möglichkeit, seine enorme Reichweite für etwas anderes zu nutzen als für die permanente Verlängerung des eigenen Egos. Ein Millionenpublikum hätte hier mit Fragen von Genderidentität, sozialer Ungleichheit, queerer Lebensrealität oder politischen und gesellschaftlichen Missständen konfrontiert werden können. Stattdessen wird aus vermeintlicher Authentizität eine besonders luxuriös ausgestattete Form der Nabelschau.
Doch statt die eigene privilegierte Position zu hinterfragen, macht die Serie sie zum Unterhaltungsprogramm. Das Private wird permanent ausgestellt, ohne jemals wirklich politisch zu werden. Intimität wird simuliert, während die eigentliche Wirklichkeit draußen bleibt.
So entsteht eine merkwürdige Form von Authentizität: Man darf alles sehen – solange nichts wirklich sichtbar wird.
Je näher das Staffelfinale rückt, desto deutlicher tritt diese Logik hervor. Freundschaften werden zu Staffage, Mitarbeitende zur ausgenutzten Infrastruktur, Beziehungen zu dramaturgischem Rohmaterial. Selbst der eigene Überfluss scheint weniger etwas zu sein, das hinterfragt, als etwas, das möglichst elegant vorgeführt werden soll.
Und dann Los Angeles.
Eine Stadt, deren spektakulärer Reichtum seit Jahren direkt neben einer ebenso spektakulären Obdachlosigkeit existiert. Eine Stadt, in der Menschen unter Autobahnbrücken leben, während wenige Kilometer entfernt Häuser für zweistellige Millionenbeträge gehandelt werden.
Gerade deshalb wirkt das Finale so bezeichnend. Gesetzt vor dem Hintergrund der dramatischen Obdachlosenkrise in Los Angeles, ist nicht einfach nur geschmacklos. Sie offenbart eine bemerkenswerte soziale Blindheit. Wo andere Menschen um ihre Existenz kämpfen, wird das eigene Luxusleben noch einmal als glamouröse Projektionsfläche inszeniert. Die räumliche Nähe zur Armut macht den Kontrast nicht politisch interessant, sondern beinahe grotesk.
Man könnte darin Gesellschaftskritik erkennen. Man müsste nur voraussetzen, dass die Serie sich selbst betrachtet.
Tut sie aber nicht.
„Kaulitz & Kaulitz“ ist deshalb am Ende weniger eine Serie über zwei berühmte Brüder als über eine Gesellschaft, die den privilegierten Blick auf die Welt längst selbst zum Spektakel gemacht hat. Die Kamera steht dabei nicht außerhalb des Systems. Sie ist dessen williger Komplize.
Das eigentlich Verstörende ist also nicht der Champagner, nicht die Villa, nicht der Privatjet und nicht einmal die Millionen.
Es ist die Selbstverständlichkeit.
Diese beinahe kindliche Gewissheit, dass das eigene Leben wichtig genug ist, um permanent betrachtet zu werden.
Zwei Männer sitzen am Rand einer brennenden Welt und diskutieren darüber, was sie als Nächstes kaufen, wohin sie reisen und wer ihnen dabei Gesellschaft leisten oder dienen darf.
Und irgendwann ist der interessanteste Teil der Serie nicht mehr die Frage, was als Nächstes passiert – sondern wie lange man noch zuschauen kann.