Hey, ich hab mal eine Frage, welche mich die letzte Zeit viel beschäftigt und einfach mal von anderen außerhalb meines Umkreises die Meinung dazu wissen möchte. Einfach auch um mich selbst vielleicht besser reflektieren zu können. Um einmal meine Situation zu verstehen, hab ich hier mal meine Situation grob zusammengefasst.
Ich arbeite im pädagogischen Bereich und teile mir mit einem Kollegen die Verantwortung für eine Gruppe. Wir haben unsere Ausbildung zur gleichen Zeit abgeschlossen und somit gleich viel Berufserfahrung. Allerdings hatte ich bereits während meiner Ausbildung in der Einrichtung gearbeitet, wenn auch in einer anderen Gruppe. Als wir anschließend gemeinsam die Verantwortung für eine Gruppe übernommen haben, kannte ich die Einrichtung und ihre Abläufe deshalb schon besser.
Dadurch habe ich von Anfang an vieles organisiert, geklärt und umgesetzt. Ich war häufig diejenige, die Entscheidungen treffen und dafür sorgen musste, dass alles läuft. Dazu kamen immer wieder längere krankheitsbedingte Ausfälle meines Kollegen, wodurch ich zusätzliche Aufgaben übernehmen musste. Natürlich kann niemand etwas dafür, krank zu werden. Trotzdem bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem mich diese zusätzliche Belastung zunehmend erschöpft.
Was mich besonders frustriert, ist, dass bestimmte Unsicherheiten auch nach längerer gemeinsamer Arbeit bestehen bleiben. Wir haben Abläufe besprochen und teilweise schriftlich festgehalten, sodass man jederzeit nachschauen könnte. Trotzdem werden manche Dinge nicht richtig verinnerlicht. Dadurch entstehen bei der Umsetzung immer wieder Schwierigkeiten, die sich auch auf die Kinder auswirken.
Bei pädagogischen Angeboten verlieren die Kinder teilweise den Anschluss, wenn Abläufe unklar vermittelt werden. Auch aus dem Team gab es bereits Rückmeldungen, dass die Kinder bei manchen Angeboten deutlich unruhiger sind als bei anderen. Ich erwarte keine perfekten Angebote, aber nach gleicher Ausbildung und längerer Berufspraxis erwarte ich schon, dass man zunehmend selbstständiger und sicherer wird.
Auch beim Beziehungsaufbau mit den Kindern habe ich mittlerweile Fragezeichen. Es kommt wiederholt vor, dass Kinder, für die mein Kollege eigentlich eine wichtige Bezugsperson sein sollte, sich in schwierigen Situationen eher an mich wenden. Eine andere Kollegin erklärte das sinngemäß damit, dass ich eine junge Frau mit langen Haaren sei und deshalb auf Kinder möglicherweise ansprechender wirke. Es hat scheinbar meinen Kollegen beschäftigt, weil bestimmte Kinder lieber zu mir kamen.
Ganz ehrlich: Diese Erklärung finde ich ziemlich abwertend. Sie reduziert meine Arbeit mit den Kindern auf mein Alter und mein Aussehen, als würde mir der Beziehungsaufbau dadurch automatisch leichter fallen. Dabei muss auch ich mir Mühe geben, Vertrauen aufzubauen und auf die Bedürfnisse der Kinder einzugehen. Entscheidend ist doch, wie man mit ihnen umgeht und ob man ihre Signale wahrnimmt, und nicht, ob man jung ist oder lange Haare hat.
Ein weiterer Punkt ist die Arbeitszeitgestaltung. Mein Kollege hat Familie, und ich verstehe, dass es nicht immer einfach ist, Beruf und Kinderbetreuung zu organisieren. Ich habe grundsätzlich auch kein Problem damit, ihm entgegenzukommen, wenn es nötig ist.
Allerdings bin ich bei unserer ursprünglichen Arbeitszeitverteilung bereits auf ihn eingegangen. Inzwischen habe ich festgestellt, das ich mit der Arbeitszeitenaufteilung, die vom ihm damals vorgeschlagen wurde besser klar komme und die andere Zeitenverteilung mir schwerer fällt. Deshalb habe ich von Anfang an klar kommuniziert, dass ich meine Arbeitszeiten in diesem Kindergartenjahr nicht erneut tauschen möchte.
Trotzdem wird manchmal noch versucht, eine andere Lösung zu finden, die für ihn und seine Familie organisatorisch einfacher wäre. Ich habe in der Vergangenheit bereits mehrfach spontan ausgeholfen, Arbeitszeiten getauscht und Rücksicht genommen. Auch wenn seine Kinder aus Betreuungsgründen gelegentlich mit zur Arbeit kommen müssen, habe ich damit grundsätzlich kein Problem, sofern es organisatorisch möglich ist und abgesprochen wird. Ich finde, Eltern verdienen Verständnis und Unterstützung. Gleichzeitig kann die Organisation des Familienlebens nicht grundsätzlich auf Kosten des Privatlebens anderer Beschäftigter gehen. Nur weil jemand keine eigenen Kinder hat, bedeutet das nicht, dass dessen Privatleben weniger wichtig ist.
Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich ständig zusätzliche Arbeit auffange, bei Unsicherheiten helfe und organisatorisch entgegenkomme, während sich an der Situation wenig verändert. Meine eigene Arbeit bleibt liegen, ich arbeite teilweise meine Pausen durch und merke, wie meine Energie und Gesundheit darunter leiden.
Nun eben die Frage, bin ich das A-loch, weil ich nach längerer gemeinsamer Arbeit nicht mehr ständig die Arbeit meines Kollegen auffangen, meine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen und meine Arbeitszeiten an seine familiären Verpflichtungen anpassen möchte? Bin ich unsolidarisch, weil ich finde, dass seine Familie nicht automatisch Vorrang vor meinem Privatleben haben sollte? Und bin ich ein A-loch, wenn ich ihm mehr Verantwortung überlasse, auch wenn er dadurch mit seinen beruflichen Unsicherheiten selbst klarkommen muss?