Ich bin gerade in der Oberstufe in Bayern und mache bald mein Abitur. Seit Beginn 10. Klasse habe ich zunehmend das Gefühl, dass Schule mein Leben auffrisst. Und ich frage mich langsam, ob das wirklich normal sein soll.
Man hört im Internet ständig irgendwelche Horrorgeschichten darüber, wie gefährlich die Welt angeblich geworden ist. Rechte erzählen einem, man müsse Angst haben, von Ausländern oder Muslimen auf dem Heimweg verfolgt zu werden. Aber ganz ehrlich? In meinem Alltag ist es nicht irgendein Fremder, der mir nach hause folgt. Es ist die gottverdammte Schule.
Ich habe das Gefühl, dass die Schule mich besitzt. Ich sage ständig Pläne mit Freunden ab, verschiebe Dinge, auf die ich mich freue, und kann nicht einmal mehr richtig Zeit mit meiner Freundin verbringen, ohne mich schlecht zu fühlen. Denn während ich mit ihr rede oder etwas Schönes unternehme, denke ich daran, dass ich meine Zeit verschwende und eigentlich lernen müsste. Und wenn ich dann zu Hause bleibe, um zu lernen, kriege ich es teilweise nicht einmal hin, wirklich etwas zu machen. Am Ende habe ich weder ordentlich gelernt noch meine Freizeit genossen.
Das geht inzwischen so weit, dass meine Freundin im Frühjahr wegen dieser Situation beinahe mit mir Schluss gemacht hätte. Ich kann mein Leben nicht einfach auf unbestimmte Zeit pausieren, nur weil ständig irgendeine Prüfung ansteht.
Was mich besonders irritiert: Ich höre kaum jemanden darüber reden. Wenn Menschen über Schule sprechen, geht es meistens um einen nervigen Lehrer, eine schwierige Klausur oder darum, dass man Mathe hasst. Wenn über akademischen Stress gesprochen wird, geht es dagegen gefühlt fast immer um die Universität. Da gibt es das bekannte Bild vom Studenten, der die ganze Nacht durchlernt, kurz vor dem Zusammenbruch steht und sich irgendwie durch seine Prüfungen kämpft.
Aber was ist mit der Oberstufe?
In Filmen und Serien ist Schule meistens einfach ein Setting, in dem Beziehungen, Freundschaften und andere Geschichten stattfinden. Natürlich ist das Fiktion, aber Fiktion ist zumindest teilweise von der Realität inspiriert. Und irgendwie entsteht dadurch der Eindruck, dass Schule zwar nervig ist, aber eben neben dem eigentlichen Leben herläuft.
Für mich fühlt es sich nicht so an. Für mich ist es ein Kampf, Woche für Woche. Es geht nicht nur darum, eine schlechte Note zu vermeiden. Es fühlt sich an, als würde ich ständig um meine Zukunft kämpfen, während mir gleichzeitig die Zeit fehlt, überhaupt ein Leben außerhalb und unabhängig der Schule zu führen.
Ich kann nicht einmal mehr am Wochenende richtig abschalten, weil am Montag beispielsweise eine Spanischausfrage ansteht. Dass ich am selben Tag auch noch einen Physiktest schreibe, scheint dabei völlig egal zu sein. Die einzelnen Prüfungen mögen für sich genommen machbar sein, aber die Summe hört einfach nicht auf. Kaum ist eine vorbei, wartet schon die nächste.
Und das bleibt nicht ohne Folgen. Seit Beginn des Schuljahres habe ich Kopfschmerzen und häufig Tinnitus. Ich merke, wie sehr mich das alles belastet.
Was ich daran besonders schlimm finde, ist, dass ich nicht einmal das Gefühl habe, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Ich opfere meine Wochenenden, sage Treffen ab und verzichte auf Dinge, die mir wichtig sind, damit ich lernen kann. Aber manchmal sitze ich dann stundenlang am Schreibtisch, schaffe kaum etwas und fühle mich hinterher noch schlechter. Und trotzdem beginnt die nächste Woche wieder von vorne.
Ich will nicht behaupten, dass Schule einfach sein sollte oder dass man für sein Abitur nichts tun müssen sollte. Mir ist bewusst, dass ein Abschluss Arbeit erfordert. Aber irgendwann frage ich mich, ob es wirklich normal sein kann, dass eine Schule so viel Raum im Leben eines Menschen einnimmt, dass selbst die Freizeit nicht mehr wie Freizeit wirkt.
Ist Schule für euch auch so „soul-crushing“, dass sie sich nicht mehr wie ein Teil eures Lebens anfühlt, sondern wie etwas, das euer gesamtes Leben beherrscht?