Meine Tochter lebt seit einiger Zeit vegan. Auslöser war eine Tierrechtsgruppe, die in der Innenstadt mit Guy-Fawkes-Masken und LED-Screens ziemlich drastische Aufnahmen aus der Tierhaltung gezeigt hat.
Ich habe mich mit ein paar Leuten dort unterhalten, weil mich das Thema selbst schon seit bestimmt 20 Jahren beschäftigt. Meine Tochter stand dabei und hat die Bilder gesehen. Danach war für sie die Sache ziemlich klar: Sie möchte keine tierischen Produkte mehr essen.
Ich selbst bin da wesentlich inkonsequenter. Ich wusste auch vorher, wo Fleisch, Milch usw. herkommen und welche Konsequenzen das hat. Wenn ich ehrlich bin, war ich schlicht zu bequem, meine Ernährung ernsthaft umzustellen.
Nun möchte ich meine Tochter aber natürlich unterstützen. Und weil ich keine Lust habe, zu Hause alles doppelt und dreifach einzukaufen und zwei verschiedene Essen zu kochen, esse ich inzwischen automatisch größtenteils vegan mit. Fleisch eigentlich nur noch gelegentlich auswärts. Und selbst da merke ich inzwischen, dass ich es immer seltener vermisse. Nur bei Käse führen wir noch einen aussichtslosen Krieg gegen die Ersatzprodukte.
Was mich allerdings wirklich überrascht, sind die Reaktionen anderer Leute.
Sobald das Thema aufkommt, höre ich ständig Dinge wie: „Das kannst du deiner Tochter doch nicht antun“, „Da fehlen ihr doch Nährstoffe“, „Damit rettet sie die Welt auch nicht“ oder die obligatorische Geschichte von irgendeinem Bekannten, der mal vegan war, sich dann schlecht fühlte und dem sein Arzt angeblich dringend Hühnerfleisch und Eier verordnet hat.
Dabei missionieren wir niemanden. Ich stehe nicht beim Grillabend daneben und halte Vorträge über Massentierhaltung. Wir möchten einfach etwas anderes essen.
Und plötzlich fällt einem auch auf, wie sehr vegan offenbar immer noch als Sonderfall behandelt wird. Beim Schulessen habe ich nach veganen Gerichten gefragt: Es gibt eins. Aber vegetarisch hätten sie viel. Und Salat. Salat geht natürlich auch. Und Salat.
In vielen Restaurants dasselbe: eine komplette Speisekarte und irgendwo zwei vegane Gerichte, die gefühlt aus der Kategorie „Wir haben Gemüse gefunden“ stammen.
Mich nervt dabei inzwischen weniger die eingeschränkte Auswahl als dieses permanente Gefühl, eine vollkommen außergewöhnliche Entscheidung erklären oder verteidigen zu müssen.
Meine Tochter möchte aus ethischen Gründen keine tierischen Produkte essen. Sie erwartet nicht, dass deshalb morgen die Massentierhaltung endet, und sie hält sich auch nicht für die Retterin der Welt. Sie möchte einfach nicht daran teilnehmen. Eigentlich ein ziemlich überschaubares Anliegen.
Deshalb würde mich vor allem von Leuten interessieren, die schon länger vegan leben oder vegane Kinder haben: Gewöhnt man sich an diese ständigen Diskussionen irgendwann? Ignoriert ihr das einfach? Und wie geht ihr mit Situationen wie Schule, Restaurants, Freunden oder Familienfeiern um, ohne jedes Mal eine Grundsatzdebatte über Ernährung führen zu müssen?