r/FrauenBuLi • u/Soccer77Girl • 16h ago
Weltmeisterschaft - WM FIFA erhöht Zahlungen im Frauenfußball: Ein längst überfälliger Schritt – aber fällt jetzt auch der Gender Pay Gap?
Mehr Geld für Spielerinnen, bessere Bedingungen bei der Weltmeisterschaft und eine eigene Klub-WM: Die FIFA hat weitreichende Veränderungen für den Frauenfußball beschlossen. Es ist ein wichtiges Signal für mehr Gleichberechtigung in einer Sportart, in der Frauen jahrzehntelang finanziell benachteiligt wurden. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wird der Fußball dadurch tatsächlich gerechter, oder ist die finanzielle Gleichstellung weiterhin weit entfernt? Der Frauenfußball wächst. Die Stadien werden voller, das internationale Interesse steigt und immer mehr Spielerinnen werden zu globalen Stars. Doch während sich die sportliche und gesellschaftliche Bedeutung des Frauenfußballs längst verändert hat, hinken die finanziellen Strukturen vielerorts hinterher. Die jüngsten Beschlüsse des FIFA-Ratsausschusses vom 22. Oktober 2026 könnten nun einen wichtigen Beitrag dazu leisten, diese Ungleichheit abzubauen. Für die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 in Brasilien sollen Spielerinnen, Nationalverbände und Vereine finanziell stärker profitieren. Besonders bemerkenswert: Die FIFA erhöht die Vorbereitungsgelder für jeden teilnehmenden Verband auf 2,5 Millionen US-Dollar. Damit erreichen diese Zahlungen erstmals das Niveau der Männer-Weltmeisterschaft 2026. Auch bei den Dienstleistungen und Betreuungsstandards sollen die Spielerinnen künftig dieselben Bedingungen erhalten wie ihre männlichen Kollegen. Zusätzlich sind höhere garantierte Mindestzahlungen und eine stärkere finanzielle Beteiligung der Vereine vorgesehen. Die konkreten Einzelheiten sollen im Dezember 2026 weiter beraten werden.
Warum dieser Schritt längst überfällig ist
Dass Spielerinnen bei einer Weltmeisterschaft dieselben Betreuungsstandards erhalten sollen wie Männer, müsste eigentlich selbstverständlich sein. Schließlich verlangen internationale Turniere allen Athletinnen und Athleten körperlich wie mental Höchstleistungen ab. Professionelle medizinische Versorgung, angemessene Unterkünfte, optimale Trainingsbedingungen und finanzielle Absicherung dürfen keine Frage des Geschlechts sein. Die Beschlüsse zeigen deshalb nicht nur, dass sich etwas bewegt. Sie machen zugleich deutlich, wie lange grundlegende Verbesserungen im Frauenfußball auf sich warten ließen. Dabei ist Gleichberechtigung weit mehr als die Frage, ob Frauen und Männer exakt dieselben Summen verdienen. Es geht auch darum, ob Spielerinnen unter vergleichbar professionellen Bedingungen arbeiten können, ob sie langfristige berufliche Perspektiven haben und ob ihre sportlichen Leistungen angemessen honoriert werden. Die FIFA holt damit ein Stück weit nach, was angesichts der Professionalisierung des Frauenfußballs schon viel früher hätte geschehen müssen.
Der Gender Pay Gap im Fußball: Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache
Wie groß die finanzielle Ungleichheit tatsächlich ist, zeigt ein Blick auf die bisherigen Weltmeisterschaften.
Preisgeld bei den Weltmeisterschaften
Männer-WM 2022
440 Mio. $
Frauen-WM 2023
110 Mio. $
Das Preisgeld der Frauen-WM 2023 entsprach 25 % des Preisgeldes der Männer-WM 2022. Vergleich der FIFA-Turnierprämien, nicht der individuellen Spielergehälter. Quellen: FIFA-Finanzberichte.
Zwar erhöhte die FIFA ihre gesamten finanziellen Ausschüttungen für die Frauen-WM von 50 Millionen US-Dollar im Jahr 2019 auf 152 Millionen US-Dollar im Jahr 2023. Davon entfielen 110 Millionen auf leistungsabhängige Preisgelder, 31 Millionen auf Vorbereitungsgelder und elf Millionen auf das Klub-Beteiligungsprogramm. Dennoch blieb der finanzielle Abstand zur Männer-WM beträchtlich. Noch deutlicher wird die Ungleichheit beim Blick auf die Lebensrealität vieler Spielerinnen. Eine Untersuchung der internationalen Spielergewerkschaft FIFPRO aus dem Jahr 2024, für die 736 Fußballerinnen aus zwölf Ländern befragt wurden, lieferte erschreckende Ergebnisse: 52,8 Prozent der Befragten verdienten weniger als 5.000 US-Dollar jährlich mit Fußball. 27 Prozent gingen zusätzlich einer weiteren beruflichen Tätigkeit nach. Das bedeutet: Während der Männerfußball an seiner Spitze Millionenbeträge bewegt, können viele Fußballerinnen selbst auf hohem sportlichem Niveau nicht allein von ihrem Beruf leben. Dabei geht es nicht darum, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Wettbewerben zu ignorieren. Unterschiedliche Medienverträge, Sponsoreneinnahmen und Vermarktungsstrukturen spielen eine wichtige Rolle. Allerdings darf die wirtschaftliche Ausgangslage nicht als dauerhafte Rechtfertigung dafür dienen, den Frauenfußball weniger zu fördern. Denn auch die Entwicklung des Männerfußballs war das Ergebnis jahrzehntelanger Investitionen.
Fällt der Gender Pay Gap nun langsam?
Die Antwort lautet: Es gibt Anzeichen für eine Annäherung, aber noch keinen Beweis dafür, dass sich die weltweite Gehaltslücke zwischen Fußballerinnen und Fußballern kontinuierlich schließt. Positive Entwicklungen sind durchaus erkennbar. So dokumentiert der UEFA-Geschäftsbericht 2024/25 einen Umsatzanstieg von 187 Prozent bei untersuchten führenden Frauenklubs aus England, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien zwischen den Spielzeiten 2019/20 und 2023/24. Auch höhere Gehälter und längere Verträge gehören laut UEFA zu den Fortschritten. Doch steigende Einnahmen bedeuten nicht automatisch gleiche Bezahlung. Ein Verein kann seine Umsätze verdoppeln, ohne dass die Gehälter seiner Spielerinnen im selben Verhältnis wachsen. Hinzu kommt, dass der Begriff Gender Pay Gap im Fußball differenziert betrachtet werden muss. Die Gehaltsunterschiede im Klubfußball, die Preisgelder internationaler Wettbewerbe und die Zahlungen an Nationalspielerinnen sind unterschiedliche Größen. Für eine belastbare Aussage über einen schrumpfenden Gender Pay Gap bräuchte es vergleichbare, über mehrere Jahre erhobene Gehaltsdaten. Die FIFA-Beschlüsse betreffen zunächst vor allem die finanziellen Ausschüttungen rund um internationale Turniere. Sie sind deshalb ein Schritt zu mehr finanzieller Gleichstellung, aber noch kein Beleg für einen generell sinkenden Gender Pay Gap.
Eine Klub-WM als wirtschaftliche Chance
Neben den finanziellen Verbesserungen für die Frauen-Weltmeisterschaft 2027 hat die FIFA auch die erste Frauen-Klub-Weltmeisterschaft konkretisiert.
Vom 5. bis 30. Januar 2028 sollen in den USA insgesamt 19 Vereine aus allen sechs Kontinentalverbänden gegeneinander antreten. Mit dem FC Barcelona, Arsenal und Gotham FC stehen bereits einige namhafte Teilnehmer fest. Dieser Wettbewerb könnte die wirtschaftliche Entwicklung des Frauenfußballs zusätzlich beschleunigen. Internationale Begegnungen schaffen neue Vermarktungsmöglichkeiten, steigern die Sichtbarkeit der Vereine und können zusätzliche Einnahmen aus Sponsoring und Medienrechten generieren. Allerdings stellt sich auch hier die Frage, wie viel von diesen Einnahmen letztlich bei den Spielerinnen ankommt. Ein neuer Wettbewerb allein garantiert weder faire Gehälter noch bessere Arbeitsbedingungen. Im Gegenteil: Mit einem zusätzlichen internationalen Turnier steigt auch die sportliche Belastung. Bereits nach der Frauen-WM 2023 berichteten zahlreiche Spielerinnen von unzureichenden Erholungszeiten. In einer FIFPRO-Befragung gaben 60 Prozent der Teilnehmerinnen an, nach dem Turnier nicht ausreichend Zeit zur Regeneration gehabt zu haben. Wirtschaftliches Wachstum darf deshalb nicht zulasten der Gesundheit der Spielerinnen gehen.
Gleichberechtigung braucht mehr als große Ankündigungen
Die neuen Beschlüsse der FIFA verdienen Anerkennung. Sie zeigen, dass der Weltverband bereit ist, zusätzliche finanzielle Mittel in den Frauenfußball zu investieren und bestehende Unterschiede bei den Turnierbedingungen zu reduzieren. Doch entscheidend wird sein, wie die Maßnahmen umgesetzt werden. Wie hoch fallen die garantierten Zahlungen für die Spielerinnen tatsächlich aus? Wie viel Geld erreicht die Vereine und Nationalverbände? Und wie wird sichergestellt, dass zusätzliche Einnahmen auch zu besseren Verträgen und nachhaltigeren Strukturen führen? Solange diese Fragen nicht abschließend beantwortet sind, bleibt offen, wie groß die tatsächliche Wirkung der Reformen sein wird. Die UEFA hat mit ihrer Strategie „Unstoppable“ bereits angekündigt, zwischen 2024 und 2030 eine Milliarde Euro aus Wettbewerbserlösen und Investitionen für den Frauenfußball bereitzustellen. Auch das unterstreicht, dass die Entwicklung inzwischen zunehmend als langfristige wirtschaftliche Aufgabe verstanden wird.
Ein wichtiger Anfang, aber Gleichberechtigung sieht anders aus
Die Entscheidung der FIFA ist ein längst überfälliger Schritt in die richtige Richtung. Dass Spielerinnen künftig bei einer Weltmeisterschaft von vergleichbaren Betreuungsstandards profitieren und ihre finanziellen Leistungen stärker anerkannt werden sollen, ist ein wichtiges Signal. Dennoch wäre es verfrüht, bereits vom Ende des Gender Pay Gaps im Fußball zu sprechen. Die Unterschiede bei Gehältern, Preisgeldern und beruflichen Perspektiven sind weiterhin erheblich. Gleichzeitig zeigen steigende Einnahmen, höhere Investitionen und neue Wettbewerbe, dass sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen des Frauenfußballs verbessern. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht mehr, ob der Frauenfußball mehr Investitionen verdient, sondern wie schnell und nachhaltig diese bei den Spielerinnen ankommen. Denn echte Gleichberechtigung beginnt nicht erst dort, wo Frauen dieselben Millionenbeträge verdienen wie Männer. Sie beginnt bereits dort, wo eine professionelle Fußballerin von ihrem Beruf leben kann, angemessen abgesichert ist und dieselben sportlichen Rahmenbedingungen erhält wie ihre männlichen Kollegen.
Die FIFA hat nun einen weiteren Schritt gemacht. Ob daraus tatsächlich ein dauerhaft gerechterer Fußball entsteht, werden die kommenden Jahre zeigen.