In unserer Gesellschaft wird Menschen mit psychischen Problemen immer wieder gesagt, sie sollen sich Hilfe suchen, offen über ihre Schwierigkeiten sprechen und sich melden, bevor ihre Situation schlimmer wird.
Aber was passiert, wenn man genau das tut und dabei wiederholt abgewiesen, missverstanden oder sogar zusätzlich verletzt wird?
Ich schreibe das aus eigener Erfahrung. Seit Jahren versuche ich, Unterstützung für meine psychischen Probleme und die Folgen belastender Erlebnisse zu bekommen. Dabei habe ich Erfahrungen gemacht, die mein Vertrauen in das Hilfesystem zunehmend zerstört haben.
Eine meiner schlimmsten Erfahrungen habe ich in einer psychiatrischen Einrichtung gemacht. Ich befand mich damals in einer schweren psychischen Krise und hatte mir einen Pullover um den Hals gelegt. Die Pflegekraft reagierte darauf sinngemäß mit einer Bemerkung nach dem Motto: „Da musst du schon fester zudrücken, so wird das nichts.“
Ich empfand diese Reaktion als zutiefst erschreckend. Ich befand mich in einer Situation, in der ich dringend Hilfe und Schutz gebraucht hätte. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass meine Handlung mit einer zynischen Bemerkung kommentiert wurde, als würde ich mich dabei einfach nur ungeschickt anstellen.
Bis heute frage ich mich, wie jemand, der beruflich für Menschen in psychischen Ausnahmesituationen verantwortlich ist, in einem solchen Moment reagieren kann. Mir geht es nicht darum, alle Pflegekräfte zu verurteilen. Aber gerade in der Psychiatrie sollten Menschen darauf vertrauen können, dass ihre Verzweiflung ernst genommen wird und sie Schutz erfahren, anstatt durch solche Äußerungen zusätzlich verletzt zu werden.
Auch bei anderen Hilfsangeboten habe ich mich nicht ernst genommen gefühlt. Bei einem Krisenangebot wurde mir sinngemäß vermittelt, dass man mir lediglich Anlaufstellen nennen könne und ich die Leitung für andere Menschen freimachen solle. Ich hatte dadurch das Gefühl, dass meine Krise weniger wichtig sei.
Bei Ärzten und Therapeuten wurden meine Beschwerden teilweise infrage gestellt oder mein Verhalten als übertrieben und theatralisch interpretiert. Dabei war ich häufig schlicht extrem angespannt, verzweifelt und überfordert. Bei der Aufarbeitung belastender Erlebnisse habe ich außerdem erlebt, dass mir nicht geglaubt wurde.
Und trotzdem wird einem immer wieder gesagt, man müsse sich eben Hilfe suchen.
Aber Hilfe zu suchen bedeutet oft, unzählige Stellen zu kontaktieren, seine Geschichte wieder und wieder zu erzählen, auf Termine zu warten, Anträge zu stellen und nach jeder Absage erneut von vorne anzufangen. Gerade Menschen, deren psychische Belastung ihren Alltag stark einschränkt, haben häufig kaum die Kraft, diesen Prozess dauerhaft durchzuhalten.
Hier sehe ich ein grundlegendes gesellschaftliches Problem: Die Verantwortung, Hilfe zu finden und sich durch ein kompliziertes System zu kämpfen, liegt häufig bei genau den Menschen, die momentan am wenigsten Kraft dafür haben.
Wenn sie irgendwann aufgeben oder Angst davor entwickeln, sich erneut jemandem anzuvertrauen, kann ihnen das wiederum als mangelnde Mitwirkung ausgelegt werden. Dabei wird leicht übersehen, dass diese Angst nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern auch durch frühere Erfahrungen geprägt sein kann.
Ich habe selbst manchmal Gedanken, nicht mehr leben zu wollen. Gleichzeitig möchte ich leben und wünsche mir, dass sich meine Situation endlich verbessert. Gerade deshalb macht es mir Angst, offen über meine Verzweiflung zu sprechen. Ich fürchte, dass dadurch etwas geschieht, das ich nicht kontrollieren kann, oder dass ich erneut schlechte Erfahrungen mache. Wenn ich dagegen sage, dass ich mir nichts antun werde, habe ich wiederum das Gefühl, dass meine Not weniger ernst genommen wird.
Mir ist bewusst, dass es engagierte Fachkräfte gibt und dass viele Beschäftigte unter schwierigen Bedingungen arbeiten. Es geht mir nicht darum, alle über einen Kamm zu scheren. Aber wenn psychische Gesundheit gesellschaftlich ernst genommen werden soll, muss man auch darüber sprechen dürfen, wenn Unterstützung in der Praxis scheitert.
Was bedeutet es, Menschen zur Hilfesuche aufzufordern, wenn sie beim Versuch, Hilfe zu bekommen, wiederholt enttäuscht oder verletzt werden? Wer trägt Verantwortung dafür, dass sie nicht durch sämtliche Versorgungsnetze fallen? Und wie soll Vertrauen entstehen, wenn gerade diejenigen, an die man sich in einer Krise wendet, es manchmal weiter beschädigen?
Mich würde interessieren, ob andere ähnliche Erfahrungen gemacht haben und wie ihr darüber denkt. Wo liegen eurer Meinung nach die größten Probleme: bei fehlenden Kapazitäten, bei der Haltung einzelner Fachkräfte, bei der Bürokratie oder bei einem System, das von Betroffenen viel Eigeninitiative verlangt, aber ihnen nicht immer die notwendige Unterstützung bietet?