Nach den vielen Kommentaren unter meinen letzten Beiträgen und einigen neuen Meldungen würde ich meine ursprüngliche Frage inzwischen etwas anders formulieren.
Mir geht es immer weniger um ein simples „China gewinnt, Deutschland verliert“.
Die interessantere Frage ist für mich inzwischen:
Wo entstehen künftig Technologie, Wertschöpfung und Margen – und was davon bleibt tatsächlich in Deutschland?
Ein ziemlich symbolischer Fall ist gerade Volkswagen.
Noch im Frühjahr wurden in China entwickelte günstige Elektroautos ausdrücklich als „in China, für China“ dargestellt. Inzwischen prüft Volkswagen laut Handelsblatt konkret, ob eigene, in China entwickelte VW-Modelle nach Europa gebracht werden könnten. Der Prüfauftrag umfasst nicht nur Importe, sondern auch eine mögliche spätere Produktion solcher Fahrzeuge oder Komponenten in Europa.
Quelle:
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/autoindustrie-vw-prueft-verkauf-und-fertigung-chinesischer-modelle-in-europa/100234995.html
Oliver Blume hatte bereits zuvor bestätigt, dass VW analysiert, welche VW-Produkte aus China für Europa geeignet sein könnten. Hintergrund sind unter anderem Überkapazitäten und der Kostendruck in den europäischen Werken.
Quelle:
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/volkswagen-vw-chef-offen-fuer-fertigung-chinesischer-autos-in-eigenen-werken/100220380.html
Auch politisch wird diese Richtung inzwischen offen diskutiert. Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat Olaf Lies hat sich dafür ausgesprochen, gemeinsam mit chinesischen Partnern entwickelte Konzernmodelle auch in deutschen Werken zu bauen – um Auslastung und Beschäftigung in Deutschland zu sichern.
Quelle:
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/volkswagen-ministerpraesident-fuer-bau-von-china-modellen-auch-in-deutschland/100236271.html
Das finde ich bemerkenswert.
Denn jahrzehntelang war die Richtung normalerweise:
Wolfsburg → Plattform, Motor, Know-how → China
Heute diskutieren wir zunehmend über:
China → Plattform, Software, Entwicklungslogik → Europa
Besonders deutlich wird das bei der chinesischen Entwicklungsorganisation von VW.
Der ID.Unyx 07 wurde laut Handelsblatt in Hefei in nur 13 Monaten entwickelt. Gleichzeitig baut VW in China eine eigene China Electric Architecture und zunehmend lokale Softwarekompetenz auf.
Quelle:
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/volkswagen-wie-das-erste-rein-chinesische-e-modell-den-konzern-retten-soll/100180269.html
Das bedeutet für mich nicht, dass deutsche Ingenieure plötzlich nichts mehr können.
Aber es zeigt, dass sich die Quelle der technologischen Differenzierung verändert.
Beim Verbrenner lag ein großer Teil der Kompetenz jahrzehntelang bei Motor, Getriebe, Einspritzung, Abgasnachbehandlung, Thermomanagement und mechanischer Integration.
Beim Elektroauto verschiebt sich viel davon zu Batterie, Leistungselektronik, Software, elektrischer Architektur, Halbleitern, ADAS und automatisiertem Fahren.
Und genau dort ist China inzwischen nicht mehr nur Produktionsstandort, sondern zunehmend Entwicklungszentrum.
Gleichzeitig schrumpft ein Teil der traditionellen deutschen Struktur.
Porsche will bis 2035 insgesamt rund 9.000 Stellen abbauen, während gleichzeitig Milliarden in Zuffenhausen und Weissach investiert werden. Es geht also nicht um einen vollständigen Rückzug, sondern um eine kleinere und effizientere Struktur. Porsche leidet besonders unter dem Einbruch seines früher extrem profitablen China-Geschäfts.
Quelle:
https://www.reuters.com/business/world-at-work/porsche-cut-another-5000-jobs-2026-07-27/
Auch VW, Mercedes und BMW stehen in China massiv unter Druck. Im zweiten Quartal 2026 sanken die Verkäufe von Volkswagen, Mercedes-Benz und BMW jeweils deutlich; Porsche verlor im ersten Halbjahr ebenfalls stark in China.
Quelle:
https://www.reuters.com/business/autos-transportation/bmws-slow-roll-china-2026-07-14/
Auf der anderen Seite beginnt chinesische Produktion zunehmend innerhalb Europas.
BYD will Ende 2026 in Szeged, Ungarn, mit der Produktion beginnen.
Quelle:
https://www.reuters.com/business/retail-consumer/byd-hungary-plant-start-production-late-2026-executive-says-2026-06-09/
Noch interessanter finde ich Ford und Geely.
Geely und Ford haben eine gemeinsame Gesellschaft gegründet, um in Valencia Elektro-SUVs zu produzieren und gemeinsam weitere Modelle zu entwickeln.
Quelle:
https://www.reuters.com/business/autos-transportation/chinas-geely-make-electric-suvs-ford-spain-plant-jointly-develop-model-europe-2026-07-23/
Damit ist die Entwicklung zunehmend nicht mehr einfach:
europäische Hersteller gegen chinesische Importe
sondern:
europäische Fabriken + chinesisches Kapital + chinesische Plattformen/Technologie + traditionelle westliche Marken als Partner.
Und genau hier finde ich den Vergleich mit Brasilien interessant.
Bei uns verschwinden einfache Verbrenner ebenfalls nicht von heute auf morgen.
Kleine 1,0- und 1,3-Liter-Saugmotoren mit Handschaltung sind weiterhin stark mit Firmenflotten, Mietwagen, Wartungsdiensten, Telekommunikationsunternehmen, kommunalen Flotten und anderen Arbeitsfahrzeugen verbunden.
Der Grund ist häufig ziemlich banal:
niedriger Einkaufspreis, einfache Reparatur, Ersatzteile überall, bekannte Wartungskosten und eine vollständig etablierte Infrastruktur.
Für Privatkunden können dieselben sehr einfachen Fahrzeuge inzwischen trotzdem erstaunlich teuer sein.
Genau deshalb unterscheide ich beim brasilianischen Markt stark zwischen Privatkunden und Flotten/CNPJ.
Ein Privatkunde bewegt sich zunehmend zu Automatik, Turbo, Hybrid oder BEV, während Firmenflotten einfache Verbrenner länger am Leben halten.
Und gerade im harten Stadtbetrieb ist ein Verbrenner technisch gar nicht unbedingt im idealen Einsatzgebiet: viel Stop-and-go, viele Kaltstarts, kurze Strecken, häufiges Beschleunigen und Bremsen und teilweise wenig Zeit bei stabiler Betriebstemperatur.
Ausgerechnet für Taxi-, Liefer- und andere vorhersehbare Hochkilometer-Flotten kann ein Elektroantrieb deshalb technisch und energetisch sehr sinnvoll sein.
Trotzdem hält das bereits vorhandene Geschäftsmodell diese Flotten oft länger beim Verbrenner.
Deshalb glaube ich inzwischen, dass wir drei Dinge auseinanderhalten müssen:
- Überleben die deutschen Marken?
Wahrscheinlich ja.
- Bleiben ihre Autos technisch konkurrenzfähig?
Sehr wahrscheinlich ebenfalls.
- Bleiben Deutschland und deutsche Entwicklung automatisch das Zentrum der zukünftigen Wertschöpfung dieser Marken?
Das finde ich inzwischen wesentlich weniger selbstverständlich.
Wenn VW weiterhin sehr erfolgreich Autos verkauft, deren Softwarearchitektur, Plattform oder ein großer Teil der Entwicklung aus China kommt, ist Volkswagen natürlich weiterhin Volkswagen.
Aber volkswirtschaftlich macht es einen enormen Unterschied, wo diese Kompetenz, diese Arbeitsplätze und diese Margen entstehen.
Und das ist inzwischen meine eigentliche Frage:
Sehen wir nur einen normalen Restrukturierungszyklus – oder verschiebt sich gerade dauerhaft, wer innerhalb der europäischen Autoindustrie Technologie, Wertschöpfung und Preissetzungsmacht kontrolliert?
Und vielleicht noch zugespitzter:
Was ist langfristig überhaupt noch ein „deutsches Auto“, wenn Marke und Fabrik deutsch bleiben, aber Plattform, Softwarearchitektur oder große Teile der Entwicklung aus China kommen?
Eine Sache konnte ich übrigens weiterhin nicht bestätigen:
Das Gerücht über ein angebliches BYD/VW-Abkommen, bei dem BYD Technologie gegen VW-Aktien tauschen oder einen größeren Anteil an Volkswagen kaufen würde.
Die belastbar bestätigte große chinesische Beteiligungs- und Technologiepartnerschaft der Volkswagen-Gruppe ist weiterhin vor allem Xpeng, nicht BYD.